15. Teilerfolg
Rea hatte in der Zwischenzeit sein Handy heraus geholt und es wieder angeschaltet. Jetzt war es erneut an der Zeit sich mit der Realität und anderen Dingen zu beschäftigen; er konnte vorerst nichts mehr für Jess tun. Auch, wenn es ihm immer noch in der Seele weh tat, sie zu verlassen. Doch er wusste, dass er alles getan hatte, was in seiner Macht stand und vorerst war er nicht mehr in der Lage mehr zu tun - und hatte zumindest für heute auch keine Kraft mehr.
Wie er es befürchtet hatte, waren in der Tat mehrere Anrufe auf seiner Mailbox; einige von seinen Freunden und natürlich von Jo, die ihn besorgt fragten, wo er wäre und ihn baten, sich dringendst zu melden, wenn er die Nachrichten abhörte. Rea steckte das Handy wieder ein - er würde jetzt sofort zurück zum Gebäude fahren und von dort seine Frau anrufen. Seinen Freunden konnte er ja immer noch direkt erzählen, was in der Zwischenzeit geschehen war. Er hatte keine Lust, alles per Telefon zu erledigen.. Und so fuhr er zurück und wurde natürlich von den anderen bereits empfangen. Rea schob sich an ihnen vorbei und sagte ihnen kurz und knapp, dass er ihnen alles im Gemeinschaftsraum erzählen würde, nachdem er kurz ein Telefonat mit Jo führen würde - und so geschah es schließlich auch. Nachdem Rea es seinen Freunden berichtet hatte, hatten diese natürlich mehr Verständnis für ihn und sie konnten seine Besorgnis nachempfinden. Das Gespräch mit Jo war ähnlich; auch, wenn Rea heraus hören konnte, dass es ihr durchaus Sorgen bereitete, wie nah ihm der Zustand des Mädchens ging, doch daran konnte er nichts ändern. Es war eben so.. Und dann entschlossen sie sich, nachdem sie alle miteinander geredet hatten, sich nun endlich wieder um ihre Schützlinge zu kümmern; das Halbfinale stand an und sie mussten noch einiges mit ihnen üben…
Währenddessen hatte Jennifer in der Klinik nach Jess gesehen und realisiert, dass sich an deren psychischen Zustand etwas verändert hatte. Sie blickte in ihrem Zimmer auf die Monitore und erschrak zuerst, als sie Jess sah, die den Kassettenrekorder an sich presste, der ihr von Rea Garvey übergeben worden war, und anscheinend vollständig aufgelöst zu sein schien. Jennifer konnte erkennen, dass Jess weinte. Zuerst bekam sie in der Tat einen Schrecken, doch dann kam ihr in den Sinn, dass dies tatsächlich ein kleiner Vorstoß sein könnte. Auch, wenn es scheinbare Trauer war, die das Mädchen da gerade durchlebte - ein Schmerz, von dem sie nicht wusste, was genau es war; doch es bedeutete, dass sie fühlte!
Und das war auf jeden Fall gut! Es bedeutete, dass es ein Anfang in die richtige Richtung war. Was auch immer Rea Garvey der Kleinen da gegeben hatte, es hatte Gefühle in ihr ausgelöst und auch, wenn es schmerzhafte Gefühle waren, sie hatte begonnen, sich zu öffnen. Jennifer hatte die Hoffnung, dass es ihr nun leichter fallen könnte, mit ihr zu arbeiten.
Langsam ging sie auf das Zimmer zu und nahm sich vor, herauszufinden was genau nun in Jess vorging. Vielleicht würde sie ihre harte Schale ein wenig öffnen können…
Sie öffnete die Zimmertür und sah Jess, wie diese mit geschlossenen Augen dalag und anscheinend etwas lauschte, was sie zu faszinieren schien. Langsam ging sie zu ihr und setzte sich neben sie. Sie wollte sie nicht stören, deswegen sagte sie nichts, und ließ sie erst einmal in ihrer eigenen “Welt”, bis Jess langsam daraus erwachte…
Jess hatte in der Tat erst einmal nichts davon mitbekommen, dass die Psychiaterin in ihr Zimmer eingetreten war, sondern hatte immer wieder dem Song gelauscht, den Rea extra für sie komponiert hatte. Er war wunderschön… Sie erinnerte sich daran, dass sie zuerst gar nicht hatte hinhören wollen, doch dann änderte sich ihre Meinung, schon als sie die ersten Takte des Liedes gehört hatte - und dann kam der Text. Der Text, der sie nach dem x-ten Mal Zuhören so in ihren Bann gezogen hatte, dass sie gar nicht mehr anders konnte, als ihn sich immer wieder neu anzuhören.
Zuerst konnte sie gar nicht glauben, dass er diesen Song ihretwegen geschrieben hatte, dass es wirklich IHR Song sein sollte; doch dann wusste sie, dass es tatsächlich der Wahrheit entsprach. Und die Worte durchrauschten sie wie eine kalte Dusche. Er gab ihr Mut. Sie sollte einen Weg aus der Dunkelheit finden und nicht aufgeben… ‘das ist so leicht gesagt‘, dachte Jess; doch sie wusste auch, dass Rea es ernst meinte. Sie wusste nicht, ob sie es schaffen konnte, dass zu erfüllen, was Rea ihr damit sagen wollte. Doch alleine die Tatsache, dass er ihr helfen wollte, ihr sagen wollte, dass das Leben etwas wert sei…
Erneut traten Tränen aus Jess’ Augen. Sie hatte immer noch nicht mitbekommen, dass Jennifer bei ihr war, so dass sie sich nicht damit abgab, die Tränen fortzuwischen. Irgendwie tat es gut, zu weinen. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber es war beinahe wie eine innere Erleichterung.
Auf der einen Seite wollte sie Reas Worte in sich aufsaugen - obwohl sie diese auf der anderen Seite immer noch nicht wirklich für voll nahm. Es sagte sich so leicht, dass man nicht aufgeben sollte und dass das Leben lebenswert war.. Für jemanden wie Rea Garvey sicherlich, dem das ganze Glück des Lebens geradewegs in den Schoß fiel. Er war glücklich verheiratet, hatte eine süße Tochter, eine Begabung, die ihm sicherlich von Gott - sollte es Ihn tatsächlich geben - geschenkt worden war, Fans die ihn und seine Musik liebten; und ihm war noch nie etwas grauenhaftes passiert, was hoffentlich auch niemals der Fall sein würde. Also mit anderen Worten: für ihn war das Leben einfach reines Glück. Und er würde ihre Gefühle niemals nachempfinden können…
Doch trotz dieser Gedanken wusste Jess auch, dass er ein sensibler Mensch war, der zumindest versuchte, sich in ihre Gefühle hinein zu versetzen und sie spürte schließlich auch, dass es keine leeren Worthülsen waren, die er da für sie gesungen hatte. Sie begann, Dankbarkeit dafür zu empfinden, und schließlich durchflutete ein Gefühl ihren Körper, das sie nicht wirklich beschreiben konnte. Es war eine Mischung aus Schmerz und noch etwas anderem von dem sie nicht einmal wusste, was genau es war - vielleicht so etwas wie Hoffnung? Doch Hoffnung auf was? Sie wusste es nicht, doch es entlud sich schließlich in einem Weinkrampf, von dem sie zuerst dachte, dass es außer ihr niemand mitbekommen würde…
Doch dann fühlte sie Hände auf ihren und erschrak. War es etwa Rea, der zurück gekehrt war, um noch einmal nach ihr zu sehen? Sie wollte nicht, dass er sie so sah und wischte sich schnell die Tränen von den Wangen - dann sah sie zu der Person hin, die da neben ihr saß - und erblickte ihre Psychologin; Jennifer, wie Jess sich erinnerte. Jess fühlte auf der einen Seite ein wenig Erleichterung, dass es nicht Rea war, der sie in diesem Zustand beobachtet hatte; aber andererseits war auch ein wenig Enttäuschung dabei - hatte sie sich vielleicht doch erhofft, dass er es sein würde? Um ihm für diesen wunderschönen Song danken zu können, der sie so fasziniert hatte? Außerdem kamen ihr kurz wieder die Gedanken in den Sinn, dass Rea jetzt tatsächlich nichts mehr von ihr wissen wollte - doch sie versuchte, sich diese wegzudenken. Immerhin wusste auch Jess, dass Rea noch andere Dinge zu erledigen hatte. “The Voice” zum Beispiel… Jess war klar, dass die Sendung auch ohne sie weitergehen würde, also würde er dort auch noch einiges zu tun haben.
Schließlich hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff und sah die Psychiaterin an. “Sie wollen sicherlich wissen, wie es mir geht, oder?” fragte sie, um die Stille zu unterbrechen, die - noch - zwischen ihnen lag. Jennifer lächelte und nickte. “Wenn du es mir erzählen magst? Ich sehe, du hast da etwas von Rea Garvey geschenkt bekommen, was dich wohl sehr bewegt hat.. Darf ich fragen, was das war?”
Jess sah sie an. In ihr wogten zwei verschiedene Gefühle. Auf der einen Seite wollte sie immer noch nicht reden, denn sie wusste nicht wirklich, wie sie anfangen sollte und zweifelte daran, dass es ihr helfen würde; doch auf der anderen Seite hatte sie langsam genug davon, alles in sich hinein zu fressen. Und die Frau - Jennifer - versuchte ja auch nur, ihr zu helfen…
Schließlich schluckte sie und sagte: “Es ist ein wunderschöner Song… Rea hat ihn extra für mich geschrieben - und er soll mir Mut machen…”
Jennifer hatte sich schon so etwas gedacht. Aus welchen Gründen sollte Rea Garvey sich sonst einen Kassettenrecorder ausleihen wollen? Sie sah Jess an und fragte: “Und dir gefällt der Song? Ich habe dich gesehen, Kleines - du hast geweint, als du ihn gehört hast… Magst du mir deine Gefühle, diesen Song betreffend, erzählen? Was geht in dir vor, wenn du ihn hörst? Was spürst du?”
Jennifer wagte den Vorstoß. Sie wollte, dass Jess sich öffnete und hatte die Hoffnung, dass diese es vielleicht nun tun würde, nachdem sie sich so lange verschlossen und alles in sich hinein gefressen hatte. Und ihre Hoffnung schien sich tatsächlich zu erfüllen. Nach einigen Sekunden der Stille atmete Jess eins- bis zweimal tief durch und antwortete schließlich leise aber mit fester Stimme: “Es war dunkel in mir, wissen Sie? Ich habe so lange die Hoffnung in mir gehabt, diesen Kerl endlich los zu sein.. Ich habe ein neues Leben angefangen, nachdem er endlich - vermeintlich - fort war. Ich habe wieder Selbstvertrauen aufgebaut, so wie Rea es gesagt hat; und dann, dann kommt er zurück und zerstört wieder alles - und was das Schlimmste ist, ich weiß nicht, wann er wieder zurück kommt - aber ich weiß, DAS er zurück kommt.. Ich habe solche Angst, verstehen Sie?”
Jennifer sah Jess an und nickte. “Natürlich verstehe ich das, Kleines.. Aber wir werden alles dafür tun, dass dieser Kerl dir nie wieder schaden kann. Ich weiß, vielleicht kann ich es dir nicht versprechen; aber dennoch wird alles dafür getan werden, dass er gefasst wird - und dann wird er niemals wieder in der Lage sein, dir auf diese Weise zu schaden.” Jess lächelte leicht, was allerdings ein wenig verunglückte. “Wenn sie ihn überhaupt finden… Er ist auf der Flucht, oder? Er kann jederzeit zurück kommen, und selbst wenn sie ihn finden sollten - er hat beim letzten Mal doch auch nicht viel bekommen - sie werden ihm wieder nur 3 Jahre geben, dann kann er wieder über mich herfallen…”
Jennifer schüttelte den Kopf und fiel ihr ins Wort: “Jess, dass ist nicht wahr! Dieses Mal wird er nicht nur ein paar Jahre bekommen, für das, was er dir angetan hat! Das war bereits beim letzten Mal schon wesentlich zu wenig; aber jetzt hat er versucht, dich umzubringen - dafür bekommt er lebenslänglich! Darauf kannst du dich garantiert verlassen!” “Ja, wenn Sie meinen.. Aber dafür müssen sie ihn ja erst einmal kriegen, oder?” Das konnte Jennifer nicht leugnen, also schwieg sie. Dann fragte sie erneut: “Aber du hast ja noch gar nicht so wirklich über deine Gefühle bezüglich des Songs geredet. Darf ich fragen, was genau dir Rea versucht, mit diesem Lied mitzuteilen?” Jess lächelte - dieses Mal war es ein warmes, freundliches Lächeln, was Jennifer sehr freute - und antwortete: “Er will mir Mut machen. Nicht aufzugeben und weiter zu kämpfen, damit ich aus diesem Tief heraus komme, wissen Sie? Mein Leben zu ändern, stark zu werden, damit ich keine “schwarze Seele” mehr habe…” Wieder musste sie lächeln, als sie daran dachte, dass es ihr eigener Song war, den er damit meinte. “Schwarze Seele”, der Song, den sie bei den Blind Auditions gesungen hatte…
Jennifer hatte fasziniert zugehört. Sie hatte sich beinahe gedacht, dass es ein selbstkomponierter Song war, und noch dazu so ein passender.. Und er schien seine Wirkung nicht zu verfehlen. Noch war sie nicht über den Berg, sowohl ihre körperliche als auch seelische Verfassung betreffend, aber es war ein ganz gehöriger Schritt nach vorne, den sie nun gegangen waren. Und alles wegen dieses einen Songs. Ja, Musik konnte einiges bewirken, und die von Rea Garvey anscheinend besonders. Jennifer lächelte zurück und antwortete: “Weißt du, Jess: ich denke, Rea Garvey hat Recht, mit allem, was er singt. Und ich weiß auch, dass es sicherlich nicht so einfach ist, und dass du das nicht mit einem Mal hinbekommst und sicherlich auch nicht auf einmal alles wieder gut sein kann. Das ist mir vollkommen bewusst. Aber ich werde dir versprechen für dich da zu sein! Wenn du dir helfen lässt, dann ist schon mal der erste Schritt in diese Richtung getan. Und sowohl ich als auch Mr. Garvey werden dir dabei zur Seite stehen. Wir alle sind für dich da! Du musst diese Hilfe nur annehmen - das ist erst einmal der erste Schritt. Alles andere folgt nach und nach. Verstehst du?!”
Jess sah die Psychologin an und merkte erst jetzt die Ehrlichkeit, die aus ihren Augen sprach. Vorher hatte sie diese nicht erkannt - oder nicht erkennen wollen. Sie schämte sich dafür. Schließlich nickte sie und sagte: “ich, ich werde es versuchen… Es tut mir leid, dass ich so grob und abweisend war… Es, es tut nur so schrecklich weh, wissen Sie..” Und wieder standen Tränen in ihren Augen. Jennifer nickte. Ja, sie verstand. Natürlich tat es weh. Ihr war klar, dass die Kleine Schmerzen hatte, die über die physischen Schmerzen der Vergewaltigung weit hinaus gingen. Diese waren bestimmt immer noch da, aber sie würden vergehen, dass war ihr auch bewusst. Aber die seelischen Wunden verheilten nicht so schnell. Vielleicht sogar niemals… Dennoch musste sie alles dafür tun, sie zumindest ein wenig zu mindern.
Schließlich antwortete sie, als nächstes genau auf ihr Worte achtend: “Es wäre vielleicht vermessen, zu behaupten zu wissen, wie du dich fühlst, denn ich war noch nie in dieser Situation.. Aber ich kann es dennoch vielleicht ein wenig nachvollziehen und versuche auch, mich in deine Lage zu versetzen - und glaube mir; den Schmerz mit jemandem zu teilen hilft immer! Geteiltes Leid ist halbes Leid und das ist keine einfache Worthülse! Genau dafür bin ich da, wenn du reden willst und auch, einfach nur da zu sein, wenn du schweigen willst… Verstehst du?”
Jess nickte. Ja, sie hatte verstanden. Und genau jetzt war der Augenblick gekommen, in dem sie reden wollte. Rea wäre vielleicht ihr Wunschpartner gewesen, doch er war nicht hier und da sie davon ausgehen musste, dass er auch nicht jeden Augenblick durch die Tür zu ihr zurück kommen würde, blieb die junge Frau, die hier bei ihr war. Und Jess begann, sie zu mögen. Sie wusste, dass es eine Psychologin war, deren Job es war, diese Gespräche zu führen, und dennoch hatte sie plötzlich irgendwie das Gefühl, ihr vertrauen zu können. Sie fühlte, dass sie es ernst meinte und es nicht nur wegen ihres Jobs tat. Doch bevor sie ihre Seele, die erneut “schwarz” war, vor ihr bloßlegte, fragte Jess: “Rea kommt nicht mehr zurück, oder?” Jennifer sah sie an und antwortete: “Wie meinst du das? Er kommt sicherlich heute nicht mehr zurück; dass denke ich jedenfalls; es hatte zumindest den Anschein, dass er noch etwas vorhatte - aber ich denke schon, dass er dich auch weiterhin besuchen kommt. Die Erlaubnis hat er jedenfalls wieder und er will es auch!” Jennifer hatte das Gefühl, dies auf jeden Fall erwähnen zu müssen, denn es ging ihr wieder in eine etwas gefährliche Richtung…
Jess nickte und antwortete dann: “Ich habe nur gefragt… Aber ich glaube dir.. Darf ich dich duzen?” fragte sie dann, als sie bemerkte, dass sie es gerade getan hatte. Jennifer lächelte und nickte dann: “Natürlich darfst du das! Soo wahnsinnig alt bin ich noch nicht..” Dann schwieg sie wieder, denn sie hatte das Gefühl, dass Jess dabei war, sich endlich zumindest ein kleines Stückchen zu öffnen - und das tat diese dann auch. Nach gefühlten Ewigkeiten gab sie langsam zuerst stockend dann immer lauter und schneller werdend zu, wie es tatsächlich in ihr aussah - sie begann, die Schwärze ihrer Gedanken offen vor Jennifer auf den Tisch zu legen - und diese war auf der einen Seite geschockt, auf der anderen Seite aber froh, denn es war ein Anfang. Ein Anfang in die richtige Richtung…

