4. Stalking
Während Jess sich auf ihr Bett gelegt hatte und erst einmal von Dana und Steffi in Ruhe gelassen wurde, lief Rea zurück in den Aufenthaltsraum, in den mittlerweile auch Xavier zurück gekehrt war. Er war mit seinen Proben fertig und hatte seinen Kandidaten natürlich einiges zum Üben mit auf den Weg gegeben. Bis zu Reas Stunde blieb noch etwas Zeit und so freute Xavier sich eigentlich auf ein gemütliches Schwätzchen mit seinen Teamcoach-Freunden, umso erstaunter war er, als er Rea nicht im Aufenthaltsraum antraf und die anderen ihm entgegenstarrten als wäre er ein Geist - oder zumindest so etwas ähnliches. “Was ist denn los? Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen, alles in Ordnung?” Nena antwortete, bevor es die Jungs von Boss-Hoss tun konnten: “Wir wissen es nicht, Xavier… Eben war Dana hier und hat Rea mitgenommen, etwas wäre mit Jess nicht in Ordnung…
Und er ist schon verdammt lange weg.. Langsam machen wir uns alle Sorgen…” Xavier runzelte die Stirn. Er dachte gerade daran, selber einmal nachzuschauen, was da genau los war, als just in diesem Moment die Tür aufging und ihr vermisster Teamkollege herein kam. Alec sprach ihn direkt an: “Hey, da bist du ja wieder.. Und, alles in Ordnung mit der Kleinen?”
Rea war blass um die Nase. Das fiel auch seinen Freunden auf und die Sorge wurde noch größer. “Was ist los, Rea?” fragte jetzt auch Sascha und alle schauten zu ihm. Rea räusperte sich. “Ehrlich gesagt is gar nichts in Ordnung… Sie hat eine verdammt große Problem…” Jetzt war er es, der nicht so richtig wusste, wie er anfangen sollte, doch schließlich begann er genau so, wie Jess bei ihm begonnen hatte: “Erinnert ihr euch noch an ihren Song bei den Blind Auditions?” Die anderen sahen sich an und fragten sich gleichzeitig, wie er jetzt darauf kam… Doch alle nickten. “Klar, der war ziemlich cool” antwortete Xavier, stellvertretend für alle. Rea nickte. “Ja, das war er…” Aber ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken, als er daran zurück dachte, was dieser Song wirklich zu bedeuten hatte.. Dann fuhr er fort: “Xavier, du haddest gefragt, was er zu bedeuten hatte; and she had geantwortet, dass es mal eine Zeit gab, wo sie so gefühlt hat..” “Ja, ich erinnere mich. Das hat sie geantwortet, aber dann nicht mehr viel dazu gesagt, glaube ich, zumal dann die Entscheidung anstand, also dass sie sich entscheiden musste, zu welchem von uns sie gehen will..” Rea nickte. “Ja, I know… Aber das ist nicht das wahre gewesen…” Er wusste nicht, wo und wie er ansetzen sollte, aber sie hatte es auch geschafft, es ihm zu erzählen also sollte er es wohl auch schaffen.. Er atmete einmal tief durch und fuhr fort: “Leute, es sieht verdammt scheiße aus.. Die Kleine hat eine verdammt schwere Kindheid… Sie ist jahrelang von ihrem Stepfather sexuell missbraucht worden - und sie hat eine Selbstmordversuch hinter sich.. Sie hat mir eine Narbe gezeigt, an ihre left hand.. Daher der Song…”
Jetzt war der erste Teil der Wahrheit raus und Rea merkte, dass ihn die anderen anstarrten. Keiner von ihnen sagte etwas, aber der Schock stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Bevor jemand was sagen konnte, fuhr Rea fort: “Es geht noch weiter: Der Mistkerl hat sie vorhin angerufen. Sie sagte mir, er musste eigentlich noch in Jail sein; da sie nach dem Versuch ihn angezeigt hat; aber anscheinend kennt er ihre phone-Number and er weiß, wo sie jetzt ist! Er hat sie bedroht! Und sie hat Angst. Ich hab ihr gesagt, dass sie hier sischer ist, aber sie said, sie weiß nicht, wie lange sie noch hier ist und ob er sie dann finden kann…”
Jetzt war er fertig und hatte alles soweit in Kurzform erzählt auch wenn er noch viele Gedanken und Gefühle in sich hatte, die er überhaupt nicht ordnen konnte. Noch nicht, jedenfalls. Auch er fragte sich, wie dieser Kerl an ihre Handy-Nummer gekommen war und woher er wusste, dass sie jetzt bei “The Voice” war und wo sie sich befanden.. Vielleicht war das ganze ja nur heiße Luft gewesen? Allerdings war die “heiße Luft” verdammt dick…
In den ersten Sekunden nachdem Rea alles erzählt hatte, war es still im Raum. Dann hörte man Nena aufkeuchen. “Mein Gott.. Das ist ja schrecklich.. Rea, wie geht es ihr denn jetzt? Wo ist sie? Hast du sie etwa jetzt alleine gelassen?” Rea schüttelte den Kopf: “No, she´s not alone! Steffi und Dana sind bei ihr. Ich hab ihnen zwar gesagt, dass sie sie ein wenig in Ruhe lassen sollen, sie soll sich ausruhen; aber sie bleiben auf jeden Fall bei ihr. Sie war völlig fertig..”
“Das glaube ich… So eine verdammte Scheiße… Hat jemand eine Idee, was wir jetzt machen sollen?” fragte Sascha. “Ich meine, eigentlich müssten wir die Polizei einschalten, dieser verdammte Kerl fängt an, sie zu stalken!”
Alec schüttelte den Kopf: “Die Typen machen nichts, dass weißt du doch.. Bis jetzt hat er sie nur einmal angerufen, und wahrscheinlich war alles andere nur heiße Luft”.. Er sprach damit das aus, was vorab Rea bereits gedacht, beziehungsweise versucht hatte, sich einzureden. Ob er wirklich daran glaubte, wusste er nicht.
“He knows where she is!” setzte Rea nach. “Ja, gut, dass kann ja sein, Rea - aber mal ehrlich, was kann ihr hier schon passieren? Du hast es ihr doch selber gesagt, solange sie hier ist, gar nichts! Und bis zur Live-Show dauert es noch etwas… Lassen wir es erst mal darauf ankommen und solange kann sie sich in den Proben ablenken. Oder sehe ich das falsch?”
Rea schüttelte den Kopf. Nein, eigentlich dachte er auch so; aber er wurde dieses verdammte Gefühl einfach nicht los, das sich in seinen Eingeweiden breit gemacht hatte - und das war ein verdammt schlechtes Gefühl…
Allerdings wusste er auch, dass Alec recht hatte. Jetzt waren erst einmal die Proben dran und dann kam die 1. Live-Show. Und wenn sich Jess zusammen riss hatte sie durchaus das Zeug, es auch in die nächste Live-Show zu schaffen. Und ins Halbfinale, eventuell auch ins Finale… Und vielleicht sogar “The Voice” zu werden - und wenn das geschah, brauchte sie sich erst einmal gar keine Sorgen mehr zu machen. Und doch wollte dieses verdammte Gefühl einfach nicht verschwinden…
Währenddessen hatte sich Jess tatsächlich auf ihrem Bett etwas ausgeruht. Dana und Steffi ließen sie in Ruhe und auch die Jury hatte sich noch nicht blicken lassen. Bis zur ersten Trainingsstunde mit Rea war auch noch etwas Zeit und so dauerte es schließlich etwas, bis Jess langsam wieder wach wurde. Dana und Steffi saßen auf ihren Betten und sahen zu ihr hin. Beide wollten ihre Freundin einerseits nicht wecken aber trotzdem brannten sie darauf, zu erfahren, was jetzt eigentlich los war. Schließlich war Jess wach und setzte sich auf. Sie seufzte. Jetzt hatte sie es Rea erzählt, und sie ging davon aus, dass dieser es den anderen Teamcoaches berichten würde. Also wieso sollte sie es ihren Freundinnen verschweigen?
Jess setzte sich auf und begann, auch ihnen zu erzählen, was sie vorab Rea erzählt hatte. Sowohl Dana als auch Steffi waren geschockt und langsam verstanden beide, weshalb ihre Freundin so reagiert hatte. Als Jess fertig war, nahmen die Mädchen sie in den Arm. “Oh man, das ist ja furchtbar.. Aber glaube mir, der Typ hat bestimmt nur Stuss erzählt! Wer weiß, woher er von deiner Teilnahme an “The Voice” erfahren hat; bestimmt haben die im Gefängnis Fernsehen und er hat dich gesehen?”
Jess zuckte mit den Schultern. Sie wusste es doch auch nicht… Ihre Gefühle waren zwiegespalten. Einerseits machte sie sich große Sorgen und hätte am liebsten alles hingeschmissen - und dann schalt sie sich selbst ihrer Gedanken. Was, wenn es tatsächlich so war wie Rea und jetzt auch Dana gesagt hatten? Dann würde er ihr wieder ihr ganzes Leben zerstören und das durfte sie nicht zulassen! Nein, sie würde weiter kämpfen - und wenn sie nur zuversichtlich bliebe, dann hatte sie auch eine Chance ihren Traum zu verwirklichen…
Ja, Jess war wieder zuversichtlich; Das Gespräch mit Rea und ihre “Beichte” hatte ihr neuen Lebensmut gegeben und sie würde sich von diesem einen Anruf nicht mehr einschüchtern lassen. Doch leider meinte das Schicksal es erneut nicht gut mit ihr…
Nachdem sich die drei Mädchen wieder voneinander gelöst hatten, trat Dana ans Fenster. Eigentlich wollte sie nur ein wenig lüften, als ihr draußen ein Mann auffiel, der auf der anderen Straßenseite stand, die nicht mehr zum Privatgelände gehörte, und anscheinend das Gebäude beobachtete. Jedenfalls sah es so aus. Er bewegte sich nicht und starrte die ganze Zeit zu ihnen herüber. Suchte mit seinen Augen nach etwas, was Dana sich nicht erklären konnte. Irgendwie war ihr der Typ unheimlich…
“Komisch, da draußen ist ein Mann, der schaut hier so komisch rüber; so als ob er das Gebäude beobachtet…” sagte Dana zu ihren Freundinnen, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Steffi trat vor und blickte ebenfalls hinaus und nach einigen Sekunden stand auch Jess vom Bett auf und sah hinaus - und trat sofort drei Schritte zurück. Ihr Gesicht wurde erneut blass. Blasser als je zuvor. Sie keuchte und erneut machten sich Dana und Steffi Sorgen um sie. Dabei hatte doch ihr Handy gar nicht geklingelt.. “Was ist los, Jess?” fragte Dana gleich. “Alles in Ordnung?” Jess schloss die Augen. Das war ein Alptraum! Ein nie endender, elender Alptraum.. “Jess, was ist denn jetzt schon wieder mit dir?? Hallo, Erde an JESS, was ist los??” fragte nun auch Steffi, die bis jetzt eigentlich nur den Mann auf der anderen Straßenseite im Auge behalten hatte, der immer noch stocksteif dort stand und sich nicht weiter rührte.
Schließlich antwortete Jess mit pfeifendem Atem und leiser, brüchiger Stimme: “Das, das ist er… Das ist mein Stiefvater!! Er weiß also wirklich, wo ich bin…”
Steffi und Dana starrten sie an. War das ihr Ernst? “Bist, bist du dir sicher??” Jess nickte nur. Sie war sich sicher! Ihn würde sie niemals vergessen, auch, wenn ihr letztes “Treffen”, wenn man die Aussage vor Gericht so nennen konnte, bereits drei Jahre her war… “Scheiße, dann meint der Typ das vielleicht doch ernst.. Wir müssen die Jungs darüber informieren! Kommst du mit?” fragte Steffi Dana, doch diese schüttelte den Kopf. “Geh du mal lieber, ich bleibe hier.. Jess, alles okay bei dir?” Jess stand einfach nur da und starrte aus dem Fenster. Jetzt war es wieder soweit, die Welt stürzte erneut über sie ein - und sie begann zu zittern. Dana stand neben ihr und nahm sie in den Arm…
Steffi rannte so schnell sie konnte zum Aufenthaltsraum, wobei sie hoffte, dass alle Coaches dort noch zusammen saßen. Sie hatte Glück. Als sie die Tür aufmachte, sah sie Rea, Alec, Sascha, Xavier und Nena beisammen, die sich unterhielten und aufhörten, als sie die Tür hörten. Rea drehte sich zu ihr um: “Steffi! What happened? Is wieder was mit Jess?” man konnte seine Besorgnis geradewegs heraus hören. Steffi schüttelte den Kopf: “Naja, nicht so direkt… Also ehrlich gesagt schon…” Alec platzte der Kragen: “Komm schon Steffi, drucks hier nicht so rum! Was ist los?”
Steffi riss sich zusammen. Sie war doch sonst nicht so verunsichert. Aber irgendwie nahm sie das ganze langsam doch etwas mit… “Entschuldigt. Also es ist so; da draußen vor dem Haus auf der anderen Straßenseite steht seit einiger Zeit ein Typ - der ist Dana aufgefallen, als sie unser Fenster öffnen wollte. Er beobachtet hier das Gebäude - und als Jess ans Fenster getreten ist und ihn gesehen hat, ist sie beinahe wieder umgekippt - Rea, sie sagt, es ist ihr Stiefvater! Und sie ist sich wirklich sicher!” fügte sie noch hinzu.
Die Jungs und Nena sahen sich an, schließlich standen alle Coaches auf einmal auf und liefen an Steffi vorbei. Diese folgte ihnen, bis sie erneut bei ihrem Zimmer ankamen. Rea lief voran und trat ans Fenster, an dem Dana stand, Jess war einige Schritte zurück gewichen - und erneut kreidebleich. Rea sah sie besorgt an, doch erst einmal schaute er aus dem Fenster, und sah ebenfalls einen Mann, der immer noch regungslos dort unten stand und ohne Pause das Gebäude beobachtete. Es war eindeutig.
In Rea regte sich Wut. Er ballte seine Hände zu Fäusten und sagte dann: “Wir sollten ihm mal eine Besuch abstatten!” Xavier versuchte, ihn noch aufzuhalten. “Warte! Mach keine Dummheiten, Rea, verstanden!” Dann wandte er sich an Jess: “Jess, bist du dir wirklich 100prozentig sicher, dass das dein Stiefvater ist?
Immerhin hast du ihn über drei Jahre nicht mehr gesehen..”
Jess sah Xavier an. In ihrem Blick war der Schock eindeutig zu erkennen. Sie blickte Xavier fest in die Augen und antwortete ihm: “Xavier, dieser Mann lag über 4 Jahre lang jede Nacht auf mir! Er war über 4 Jahre IN mir! Glaubst du wirklich, ich könnte ihn jemals vergessen??”
Die Antwort schockierte Xavier, und nicht nur ihn. Die Jungs und Nena schluckten. Xavier ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Schon gut, tut mir leid.. Jungs, lasst uns diesem Typen da unten mal einen kleinen Besuch abstatten - und eine Lektion erteilen!” Rea nickte. Die Jungs und Nena wandten sich zum Gehen. Bevor sie die Tür hinaus traten wandte sich Rea noch einmal um und sagte an die Mädchen gewandt: “Ihr bleibt hier - und bleibt vom Fenster weg! Verstanden?” Dana und Steffi traten vom Fenster weg - Jess war bereits erneut auf ihrem Bett und hatte die Beine angezogen. Sie zitterte erneut. Ihre Freundinnen setzten sich zu ihr, jeweils an eine Seite, und versuchten gemeinsam, sie zu beruhigen. Nena wollte eigentlich mit den Jungs nach draußen gehen, doch als sie Jess sah, entschied sie sich anders: “Jungs. Ich bleibe auch hier. Mit diesem Typen werdet ihr doch sicherlich auch ohne mich fertig, oder?” Die Jungs nickten. Rea war froh, dass Nena sich dafür entschieden hatte, den Mädchen - insbesondere Jess - Gesellschaft zu leisten; er konnte sich denken, dass ihr sicherlich etwas einfallen würde, um sie so gut es ging abzulenken. “Thanks”, sagte er nur, und dann verließen er und die anderen Jungs das Zimmer und rannten so schnell es ging zum Platz auf dem sich der Typ aufhielt. Er würde jetzt eine Abreibung bekommen, die sich gewaschen hatte..
Wenige Minuten später waren sie angekommen. Sie sahen den Kerl sofort. Es war eine unangenehme Erscheinung, und sie hatten sofort das Gefühl, dass er mehr wollte, als nur zu beobachten. Denn dass er beobachtete war eindeutig. Rea war der erste, der bei ihm ankam, beziehungsweise an ihrem Tor. “HEY”, schrie er von dort auf die andere Straßenseite herüber, auf der sich der Typ befand: “What are you doing here? Verschwinde! Du hast hier nickts zu suchen!” In seiner Aufregung wurde sein Deutsch wieder schlechter, doch das war nebensächlich.
Der Fremde blickte ihn an und lachte, doch sein Lachen war manisch. Zumindest machte es auf die Jungs diesen Eindruck. Ja, es stimmte, der Typ war nicht normal… Dann antwortete er, mit zynisch klingender Stimme: “Oh, ich glaube, dieser Teil des Bürgersteiges hier ist öffentlich, oder etwa nicht? Ich tue nichts verbotenes!” Rea knurrte. In ihm wallte der pure Zorn. Der Typ war ja wirklich keiner Antwort verlegen… “Listen to me: Das hier is Privatbesitz! Auch, wenn der Burgersteig öffentlich ist, aber trotzdem: Unser Gebäude is privat! Und wir verbeten es dir, uns hier zu beobachten! Also go!! OUT OF HERE!!”
Sascha war zu Rea gegangen und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt: “Ganz ruhig, Junge..” Er wollte verhindern, dass Rea noch etwas unüberlegtes sagte. “Mein Kumpel hat Recht! Das Gebäude ist Privatbesitz. Und wir können Sie hier von der Polizei abführen lassen, wenn wir uns belästigt fühlen, und das ist der Fall! Was wollen Sie hier? Sie stehen hier und beobachten das Gebäude, gibt es dafür einen Grund?” Natürlich wussten sie alle, was es für einen Grund gab, doch Sascha wollte es von diesem Typen hören. Oder irgend eine andere fadenscheinige Begründung. Stattdessen grinste der Kerl einfach nur weiter: “Oh, muss es eine Begründung geben? Kann ich nicht einfach nur hier stehen und die Schönheit dieses Gebäudes beobachten? Das Gebäude ist wirklich schön…”
Weiter kam er nicht, denn Rea rastete nun doch aus. Er trat einen Schritt vor und stand nun vor der Absperrung, die ihr Grundstück von dem Bürgersteig trennte:
“Hör mir gut zu, du Bastard! I know why you are here! Und du wirst sie nicht bekommen, hörst du? Lass Jess in Frieden! Sie steht unter meinen persönlichen Schutz - und jetzt mach dass du hier weg kommst oder ich komm da rüber!”
Bevor er weiter sprechen konnte, schritt Xavier ein: “Lass gut sein Rea! Ich glaube, wir rufen die Polizei.” Und er holte sein Handy raus. Der Mann war leicht blass geworden und sein Lächeln war verschwunden, als Rea den Namen “Jess” erwähnt hatte. Er blickte mit kalten Augen und eingefrorenem Grinsen zu Rea hinüber. “Bemühen Sie sich nicht.. Ich gehe - aber glauben Sie ja nicht, dass es das gewesen ist.. Sie hören noch von mir! Mr. Garvey… Schönen Tag noch” flötete er, dann ging er tatsächlich. Und ließ vier völlig geplättete Coaches zurück, die keine Ahnung hatten, was sie von der letzten Bemerkung halten sollten. “War das jetzt eine Drohung?” fragte Alec. “Ich habe keine Ahnung, aber mir macht diese Kerl keine Angst!” knurrte Rea. Wobei das nicht ganz stimmte. Angst hatte er wirklich keine, aber immer noch dieses unbestimmte Bauchgefühl, das ihn einfach nicht los ließ. Und er machte sich jetzt wirklich Sorgen um Jess. Nicht, dass er ihr vorab nicht geglaubt hätte, aber er dachte wirklich bis jetzt, dass sie sich keine Gedanken machen müsste, zumal sie ja gesagt hatte, dass er noch im Gefängnis sitzen müsste - für mindestens zwei weitere Jahre. Doch nun stellte sich heraus, dass dieser Kerl tatsächlich draußen war; doch wieso? War er geflohen? Oder tatsächlich früher entlassen worden? Aber dann müsste er doch unter Bewährung stehen, oder?
Rea nahm sich vor, etwas über die Sache heraus zu finden, bevor sein Training mit seinen Schülern anfing…
Kurze Zeit später hatten sich die Jungs wieder zusammen gefunden und Rea sagte ihnen, dass er etwas zu erledigen hatte. “Was meinst du? Was hast du vor?” fragte Xavier, seine Stimme klang ziemlich angespannt. “Ich will etwas über diese Typ heraus finden… Weshalb er aus dem Jail ist…” Alec sah ihn an: “Was willst du denn da groß raus finden? Wahrscheinlich ist er vorzeitig entlassen worden, du weißt doch, wie das heutzutage ist; auf Bewährung draußen, wegen “guter Führung””. “Wenn das so ist, dann mussen sie ihn drekt wieder einsperren; er stalkt Jess!” “Noch hat er ihr nichts getan…” wollte Alec gerade erneut ansetzen, als Rea ihn anfuhr: “Stehst du jetzt auf der Site von Kindesschändern???” Alec wurde puterrot und holte gerade zu einer gesalzenen Antwort aus, als Sascha eingriff: “Leute, hey! Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt um sich an die Gurgel zu gehen; wir sind hier nicht im TV, okay? - Rea, bitte! Ich bin mir sicher, dass Alec nicht auf der Seite von solchen Bastarden steht, und dass weißt du auch! Und Alec, ich glaube dass es nicht so falsch sein kann, mal etwas genaueres über diesen Typen raus zu finden… Also wenn Rea das machen will, dann soll er es tun! Würde mich im Grunde auch interessieren, wieso dieser Typ hier auftaucht. Abgesehen davon ist noch ein wenig Zeit bis zu deiner Übungsstunde und im schlimmsten Fall können wir auch tauschen. Wir wären ja danach dran. Also, geht´s wieder??” fragte er beide Jungs.
Rea und Alec sahen zuerst ihren Freund und dann sich an. So lange hatten sie Sascha ja noch nie reden hören.. Er war bis jetzt eher der Stille in dem Duo gewesen.. Aber im Grunde wussten beide, dass er Recht hatte. Rea schluckte und sah Alec direkt ins Gesicht. “I´m sorry, ich wollt nicht..” Alec winkte ab. “Schon gut, du hast ja Recht.. Ich sehe das ganze vielleicht auch ein wenig zu lau; eventuell ist es wirklich ganz gut, wenn du mal nachprüfst, wie der Typ auf unseren Trichter gekommen ist - aber Sascha hat recht: Ich bin auf keinen Fall auf der Seite von solchen Bastarden! Dass du mir so was zutraust..” Rea schüttelte den Kopf: “Nein, ehrlich, ich, ich weiß ich hab Shit erzählt… Natürlich weiß ich, dass du das nicht bist… Man, ich hätte die Fresse halten sollen…” Alec nickte und lächelte leicht. “Ja, dass hättest du! Aber es ist in Ordnung. Irgendwie kann ich es nachvollziehen.. Wirklich, ist okay! Aber lass dir nicht einfallen, so was noch mal zu sagen!” und sein leichtes Lächeln verschwand. Rea schüttelte den Kopf: “Bestimmt nicht!” “Gut, dann wäre das jetzt geklärt und du kannst deine “Nachforschungen” anstellen, wie auch immer. Sollen Sascha und ich das nächste Training übernehmen oder meinst du, das klappt in der vorgegebenen Zeit?”
Rea sah auf die Uhr. Es war noch eine Stunde Zeit, theoretisch könnte es klappen, er hatte nur vor, mal eben zu einer Polizeistation zu fahren und da nach dem Verbleib dieses Mistkerls zu fragen - allerdings fiel ihm ein, dass er dessen Namen gar nicht wusste.. Er wusste, wie Jess hieß, aber ob ihm das half? Natürlich hätte er Jess fragen können, aber er wusste, dass sie ohnehin schon verzweifelt genug war und dass Nena gerade dabei war, sie zu beruhigen und abzulenken. Er musste alleine da durch. Vielleicht half es ja schon, wenn er ihren Namen bei der Polizei angab? Er würde es probieren.
Schließlich antwortete er Alec, bevor er sich zum Gehen wandte: “Ich wird es probieren! Wenn ich in eine Stund nicht zurück bin, dann könnt ihr den Raum haben…” “Na toll, das wird unsere Jungs und Mädels aber freuen, die rechnen ja erst in einigen Stunden mit uns.. Aber ist in Ordnung, und jetzt mach ne Biege..” antwortete Alec, und Rea wusste immer noch nicht so recht, ob dieser ihm seinen Ausraster wirklich verziehen hatte. Wie hatte er so etwas furchtbares nur sagen können?? Jetzt war es zu spät und er konnte nur hoffen, dass es ihre Freundschaft nicht angeknackst hatte. Alec war normalerweise geradeheraus, aber im Moment konnte er ihn nicht einschätzen…
Trotzdem sagte er nichts weiter, sondern ging tatsächlich aus dem Gebäude heraus - zum nächsten Polizeirevier. Etwas besseres fiel ihm nicht ein, um etwas über diesen Mistkerl heraus zu finden. Schließlich war er angekommen. Die Beamten staunten nicht schlecht, als ihnen Rea Garvey entgegen kam. Oder ein sehr, sehr guter Doppelgänger… “Ähm, hallo, was kann ich für Sie tun, Herr??” fragte ein junger Beamter, der ihn musterte. War er es wirklich? Das konnte doch eigentlich nicht sein - so ohne Begleitschutz? Nein, dass war bestimmt nur jemand, der dem Star verdammt ähnlich sah.. Und doch??… “You don´t know me? Sagen Sie jetzt nicht “Chris” to me!” knurrte Rea, bevor noch jemand auf die Idee kam, ihn mit Chris Rea zu verwechseln… “Ähm, nein, das hatte ich nicht vor; Sie haben gewisse Ähnlichkeit mit Rea Garvey..” “Das liegt daran, dass ich es bin - Ick bin Rea Garvey! Und wo wir jetzt die Formlichkeiten getauscht haben - ich hab eine Frage uber eine Mann, der eigentlich noch im Gefängnis sitzen sollte, aber wir werden von diese Mann gestalkt! Vor allem eine Mädchen in meine Team. Bei “The Voice””, setzte er noch hinzu.
Das waren sehr viele Informationen auf einmal und der Polizist war dezent verwirrt. “Okay.. Also noch mal von vorne bitte. Sie, beziehungsweise ein Mädchen von “The Voice”” - scheinbar war es wirklich Rea Garvey, der da vor ihm stand - “werden von einem Mann gestalkt, der eigentlich noch im Gefängnis sitzen sollte?”
Rea seufzte. Er hatte wohl ein wenig zu viel in einen Satz gepackt.. “I try again… Ich fang noch mal von vorne an: Also: Ich hab ein Girl in meine Team, ihr Name ist Jess” Rea nannte ihren vollständigen Namen, der ihm selbstverständlich bekannt war und fuhr fort: “Jess hat mir vor kurzem erzählt, dass sie eine schreckliche Kindheid hatte; sie ist von ihrem Stepfather sexuell missbraucht worden. Und diese Typ sollte eigentlich noch 2 Jahre in Jail sitzen! Doch er hat sie angerufen; sie bedroht - und er ist vor einigen Minuten bei uns aufgetaucht und hat unsere Gebäude beobachtet! - Ich will wissen, wieso er nicht mehr im Jail ist! Könnten Sie das nachsehen?”
Der Polizist sah ihn an. Das war in der Tat mal was Außergewöhnliches… Rea Garvey, einer der Stars von “The Voice of Germany” war hier in ihrer Dienststelle und fragte ihn nach einem eventuell Inhaftierten.. “ Steht der Mann noch vor Ihrem Gebäude?“ Rea schüttelte den Kopf. “No, er ist gegangen, aber er konnte wieder kommen!“ “Haben Sie seinen Namen?” fragte der Polizist weiter und wieder schüttelte Rea den Kopf. “No, leider nicht.. Ich wollte Jess auch nicht fragen, sie ist schon fertig genug… Könnten Sie nicht von ihre Namen aus was heraus finden?” Der Polizist nickte und setzte sich an den Computer. “Mal schauen was da kommt.. Also was ich in unseren Unterlagen finden kann ist die Aussage des Mädchens.. Es stimmt, sie hat ihren Stiefvater vor 3 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt und gegen ihn ausgesagt.. Er hat 5 Jahre bekommen… Warten Sie kurz…” Er klickte auf einigen Tasten herum und Rea wurde nervös. Was dauerte das denn so lange, verdammt? Dann war der Polizist fertig. “Also, es ist so, ich habe jetzt hier die Unterlagen über den Stiefvater; er hat sich in den letzten 3 Jahren im Gefängnis nichts zu schulden kommen lassen und ist in der Tat vor 2 Tagen wegen guter Führung entlassen worden… Auf Bewährung, natürlich. Er ist draußen.”
Rea starrte ihn an. Also waren ihre Befürchtungen wahr! “Aber dann mussen Sie ihn wieder einsperren! Er hat Jess bedroht!” “Was genau hat er ihr denn gesagt? Dass er ihr etwas antun würde? Hat er ihr denn bereits etwas angetan? Ihr aufgelauert oder so? Bis jetzt haben Sie mir nur von einem Anruf und einem “Besuch” vor ihrem Gebäude erzählt.. Das ist nicht wirklich etwas, weswegen wir ihn wieder einsperren könnten… Da kann ich Ihnen leider nicht helfen, tut mir leid.”
Rea konnte nichts sagen. Das war doch nicht möglich! “Diese Kerl hat sie angerufen, er stalkt sie! Und Sie sagen, Sie konnen nichts tun? Was sind das hier für deutsche Gesetze!” blökte er. Der Polizist sah ihn an und weitere Kollegen waren bereits auf sie aufmerksam geworden. Einer von ihnen kam zu ihnen herüber. “Ist alles in Ordnung?” “Ja, schon gut. Mr. Garvey wollte gerade gehen.. Tut mir wirklich leid. Ich kann Ihnen nur meine Karte geben - sollte der Mann noch einmal vor ihrem Gebäude auftauchen, rufen Sie mich augenblicklich an und ich schicke Ihnen eine Streife vorbei. Mehr kann ich leider nicht für Sie tun. Auf Wiedersehen.”
Die Stimme des Polizisten war höflich, aber bestimmt und Rea ahnte, dass er nicht mehr tun konnte. Murrend nahm er die Karte entgegen und verließ das Präsidium, hinter sich hörte er Gemurmel, das darauf schließen ließ, dass sich die Polizisten darüber unterhielten, ob es tatsächlich Rea Garvey gewesen war, den sie gesehen hatten. Es war ihm auch egal. Er war gefrustet. Jetzt wusste er, dass dieser verdammte Mistkerl frei war. Irgendwie hatte er sich die ganze Zeit versucht einzureden, dass es doch nur ein Missverständnis gewesen war; doch das war Unsinn, dass wusste er. Dennoch wäre die zweite Möglichkeit gewesen, dass er aus dem Gefängnis geflohen wäre - und dann hätte die Sache anders ausgesehen, wenn er sogar einen Tipp hätte geben können, wo sie ihn sich wieder greifen könnten; aber das war ja nun nicht der Fall, der Mistkerl war frei! Und niemand konnte etwas tun, um das zu ändern. Ja, Rea war gefrustet.
Langsam stiefelte er wieder zurück und er fragte sich die ganze Zeit, ob er Jess etwas davon erzählen sollte, und wenn ja, wie viel… Doch das würde sie nur noch mehr fertig machen. Sie wusste ja so oder so, dass er draußen herum lief, und wenn sie ihn nicht fragte, würde er es ihr nicht erzählen, entschied er schließlich. Nur, wenn sie ihn fragen sollte, würde er ihr die Wahrheit nicht verschweigen.
Dann war er wieder am Tor angekommen und trat erneut in das Gebäude ein. Seine Freunde erwarteten ihn schon: “Und? Was heraus gefunden?” fragte Alec, und in seiner Stimme war nichts mehr von Unmut oder Wut zu erkennen, nur noch wahres Interesse. Rea nickte. “Yes, leider… Er ist tatsächlich draußen… Wegen “Guter Fuhrung” entlassen.. Und der Polizist said, sie konnten nichts tun, solange er sich keiner Straftat schuldig macht, und das wäre wohl nicht der Fall gewesen…” Sascha knirschte mit den Zähnen. “Na toll, so was hab ich mir ja schon beinahe gedacht.. Mist… Da können wir nur hoffen, dass wir diesen Typen nie wieder sehen.. Ich würde sagen, wachsameres Auge auf die Straße, Leute!” Rea hielt die Karte hoch und legte sie vor allen auf den Tisch: “Ich hab hier eine Visitkarte.. Wenn er noch mal auftaucht, sollen wir anrufen, dann kämen sie… Ich hope auch, dass es nicht notig sein wird…” Die Jungs nickten, dann blickte Alec auf die Uhr: “So, Kumpel, du bist dran, mit deinem Team. Es ist soweit!”
Rea sah auf die Uhr und hatte bemerkt, dass die Stunde schon vorbei war und sein Team vermutlich schon im Probenraum auf ihn wartete… Einschließlich Jess und der anderen Mädchen? Er hoffte es. “Ich seh mal nach, ob die Mädchen noch in ihrem Zimmer sind, dann geh ich runter. Danke” Er nickte noch mal in Alecs Richtung, dann ging er. Nun waren die Jungs alleine und unterhielten sich noch, Xavier hatte sich die Karte des Polizisten geschnappt und drehte sie gedankenverloren in seiner Hand…
Rea lief zuerst in Richtung des Zimmers der Mädchen, er war ohnehin schon ein wenig zu spät dran… Als er ankam hörte er schon von weitem die Stimmen der drei Mädchen - also waren sie doch noch im Zimmer - und Nena. Sie alle vier sangen wunderschön und ihm lief eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Dann stand er erst einmal einige Sekunden vor ihrer Tür - und klopfte schließlich doch. Er wollte das traute Beisammensein nicht stören, aber die drei waren jetzt eindeutig falsch hier! Als er eintrat verstummten die Klänge und er war beinahe ein wenig traurig darüber. “Rea, da bist du ja endlich wieder! Und, was ist mit ihm? Ist er weg?” fragte Jess direkt und Rea nickte. “Er ist weg, Kleines.. Aber ihr drei solltet eigentlich auch “weg” sein, nämlich in meine Proberaum - mit mich!” Er hatte sich beeilt, das Thema zu wechseln, bevor noch jemand auf die Idee kam, nähere Fragen zu stellen… Nena sah erschrocken auf ihre Uhr. Sie hatte sich so eine Mühe gegeben, die Mädels von dem Thema abzulenken und sie nicht mehr dazu zu bringen, aus dem Fenster zu schauen - natürlich hatte sie eigentlich auch Interesse daran gehabt, zu erfahren, ob dieser Kerl noch da war oder nicht, doch auch sie hatte sich gezügelt und abgelenkt - dass sie die Zeit darüber völlig vergessen hatte. Rea war ja jetzt mit Proben dran! “Sorry Rea, ich hab die Zeit völlig aus den Augen gelassen… Es war so schön mit deinen Mädels hier, wir haben so schön gesungen..” Rea lächelte. “ich hab´s gehört… Es war wirklich sehr schön, aber jetzt mussen wir gehen, es ist time!..” Jess, Steffi und Dana nickten und standen auf - doch Jess konnte nicht anders, sie musste einfach noch einmal zum Fenster treten und hinaus schauen. Rea konnte es ihr nicht verübeln; dennoch trat er sanft an sie heran und zog sie vom Fenster weg. “He is gone, Jess! Come now!” Und Jess nickte. Sie hatte tatsächlich niemanden mehr gesehen und war einigermaßen beruhigt. Doch Nena hatte etwas an Reas Stimme gehört, das ihr nicht gefallen hatte… Sie sah ihn an, doch er blickte nicht zurück. Stattdessen ging er zusammen mit seinen Mädels raus und sie betraten kurze Zeit später den Probenraum, wo sie die nächsten Stunden probten.
Nena nahm sich vor, mehr heraus zu finden, und betrat den Aufenthaltsraum, in dem Xavier, Alec und Sascha saßen und schließlich auch ihr erzählten, was Rea in der Zwischenzeit über den Straftäter und Jess’ Stiefvater herausgefunden hatte…

