39. Spannungen

Als Rea zu Hause ankam, war er müde. Sehr müde sogar. Er hatte sich die Live-Show vor dem TV angesehen, und hatte einen Schlag bekommen, als er, so aus der Seitenperspektive einer Kamera, mitbekommen hatte, dass Jess umgekippt war.
Er hatte direkt versucht, Samu zu erreichen, da die Sendung umgehend abgebrochen worden war, doch dieser war nicht an sein Handy gegangen.
Und nun, nachdem er ins Krankenhaus gefahren war, in das Jess eingeliefert wurde, und mit Samu gesprochen hatte, wusste er mehr, als ihm lieb war. In ihm gärte es immer noch. Hoffentlich nahmen sie sich diese Missgeburten richtig vor, sonst würde er es irgendwann noch tun...
Josephine hatte bereits auf ihn gewartet. Sie machte sich - mal wieder - Sorgen um ihren Mann; ihrer Meinung nach bedeutete ihm dieses Mädchen langsam ein wenig ZU viel... Nicht, dass sie eifersüchtig wäre, nein, Jo wusste, dass Rea nicht mit ihr hatte, den furchtbaren Gerüchten zum Trotz. So einen Unsinn würde sie niemals glauben. Dennoch wusste sie, dass Rea mittlerweile beinahe wie ein großer Bruder, wenn nicht wie ein Vater für sie fühlte - und das missfiel ihr irgendwie. Rea hatte eine Aufgabe, als ihr Tutor, ihr LEHRER! Nicht mehr, und nicht weniger. Natürlich kannte sie Jess' Vergangenheit und diese war schrecklich, dennoch hätte sie es lieber, wenn Rea sich wieder ein wenig von ihr löste. Zumal seine "Nähe" zu ihr zu eben diesen Gerüchten, und damit zu seiner Ablösung geführt hatte. Und nun war er auch noch ins Krankenhaus gefahren, um nach ihr zu sehen.

Als er zurück kam,  stand sie bereits neben der Tür und blickte ihn an. "Und, wie geht es ihr?" fragte sie, doch Rea konnte ihre Spannung in der Stimme erkennen. Auch er wusste, dass Jo es nicht gut fand, was er tat. Doch es machte ihm nichts aus. Er würde sich auch von seiner Frau nichts vorschreiben lassen. Er sah sie an:"Sie is noch in "Sleep", wie die Arzte es nennen.. Sie lassen sie bis morgen fruh schlafen, dann wird sie wieder aufwacken.. I hope so." Mehr sagte er nicht. Seine Stimme war mehr als müde. Auch Josephine merkte es, doch so schnell ließ sie nicht locker: "Also wird sie es schaffen?" hakte sie nach, und Rea nickte. "Jedenfalls haben sie nicks anders gesagt. I want to go to bed now; i am tired..."
Jo sah ihn an, dann sagte sie: "Du kannst gleich zu Bett gehen, doch ich möchte dich um eines bitten: halte ein wenig Abstand zu ihr! Du weißt, die Gerüchte gibt es immer noch! Und auch wenn ich weiß, dass diese selbstverständlich vorne bis hinten ausgedacht wurden, so kann ich es nicht gutheißen, dass du dich weiterhin mit ihr abgibst. Deine Karriere steht auf dem Spiel, Rea..." Weiter kam sie nicht. Rea blickte sie mit funkelnden Augen an. Er konnte nicht glauben, was seine Frau ihm da sagte. Dann antwortete er, mühsam beherrscht: "Du willst mir Vorschriften macken, what I should do? Dass ich nicht mehr zu Jess gehen soll? Glaubst du diese Geruchte etwa doch?" Jo blickte ihm ebenfalls in die Augen und antwortete: "Nein! Ich sagte doch gerade, dass ich das nicht tue! Aber mir geht es um deine Karriere, deinen Ruf und deine Existenz als Künstler! Die ständige Nähe zu diesem Mädchen ist nicht gut dafür - und auch nicht für dich persönlich! Ich sehe doch, wie nahe es dir geht." Schließlich sprach sie es aus: "Du fühlst zu viel für sie, Rea - sie ist nicht deine Schwester, oder deine Tochter! Ich hoffe, das weißt du!"

Rea blickte sie beinahe geschockt an. Das dachte sie also? Als er sich schließlich wieder gefangen hatte, antwortete er, so beherrscht wie er nur konnte: "Ich werde mir nich verbieten lassen, sie zu sehen. Ja, sie bedeutet mir mittlerweile etwas, maybe so viel wie eine Schwester! Und? What is daran so schlecht? Ich bin nicht mehr bei "The Voice" - und so kann es jedem egal sein, wie ich for sie fuhle! Und alles andere - es ist MIR egal, what for damn fucking Geruchte umhergehen! ICH weiß, dass sie nicht wahr sind! Und bis vorhin dackte ich, dass DU es auch weißt...But now I don't know this any more... I am going to Bed now. Good night." Damit wollte er gehen, doch Josephine hielt ihn noch einmal auf: "Rea, ich sage es dir jetzt zum letzten Mal: Ich weiß, dass sie nicht wahr sind! Ich glaube keines von diesen Gerüchten! Aber wie du selbst gesagt hast: Du bist nicht mehr bei "The Voice" - und genau DIESE Gerüchte sind schuld daran!" "Yes, diese Gerüchte - but not Jess! And now, I got to bed! Good night!" Damit ließ er Jo stehen und ging in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Jo blickte ihm hinterher. In ihr wallten mehrere Gefühle gleichzeitig. Sollte sie ihm folgen? Doch etwas hielt sie auf. Vielleicht war es besser, ihn zu lassen. Sie blieb noch ein wenig in ihrem Wohnzimmer und zappte auf verschiedenen Kanälen herum, doch wirklich konzentrieren konnte sie sich nicht auf die Programme. Sie sah nicht mal wirklich, was es für welche waren. Sie hatten einen Streit gehabt - nun, nicht dass sie nicht öfters einmal stritten, das passierte schon einmal, in jeder Ehe - aber das hier war tiefer. Josephine spürte es, tief in sich. Und sie wusste nicht, wie sie Rea morgen früh begegnen sollte. Das erste Mal in ihrer Ehe...

Plötzlich klingelte das Telefon. Jo fuhr beinahe auf. Sie griff zum Hörer und war ziemlich erstaunt, als sie begriff, wer sie da anrief. Es war Dana. Dana und Steffi hatten die Live-Show im Studio miterlebt. Leider nicht in der ersten Reihe, da waren schon alle Karten weg gewesen, daher hatte Jess sie wohl auch nicht registriert. Dennoch hatten sie sich so auf den Abend gefreut, und wollten, wenn die Show vorbei war, noch mit Jess quatschen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Ihnen war schon aufgefallen, dass Jess irgendwie komisch wirkte, zumindest am Anfang, als alle Talente nach unten kamen und gemeinsam den Auftaktsong sangen. Da wirkte sie irgendwie weggetreten und Steffi meinte, sie auch einmal falsch singen gehört zu haben... Dana hatte ihr das zwar ausreden wollen, aber so wirklich überzeugt schien sie selbst auch nicht zu sein... Als Jess dann allerdings ihren phänomenalen Auftritt gegen Maurice hatte - von dem Dana und Steffi ja wussten, dass er zu den miesen Typen gehörte, die ihr Schaden wollten - waren beide hin und weg gewesen. Keine Spur von Unsicherheit, und beide dachten, dass sie es sich doch nur eingebildet hatten. Doch dann kam das Ende der Show. Wieder hatten Jess' Freundinnen das Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Und dann geschah es, sie fiel um. Einfach so...
Dana und Steffi waren von ihren Sitzen aufgesprungen und wollten schon nach vorne stürzen, doch die Sicherheitsbeamten ließen ihnen keine Chance dazu. Das gesamte Publikum war heraus "gebeten" worden, und sie kamen nicht mehr zu Jess.
Nun saßen sbeide wie auf heißen Kohlen. Auch ins Krankenhaus konnten sie nicht kommen; Steffi hatte einmal dort angerufen um nachzufragen, ob es möglich wäre, sie zu besuchen, doch sie bekam keine Information. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als bei Rea nachzufragen. Wenn jemand etwas wissen konnte, dann doch bestimmt er? Auch, wenn sie selbstverständlich ebenfalls von den wahnsinnigen Entwicklungen der letzten Tage wussten, und auch, dass er nicht mehr Jess' Coach sein durfte. Dennoch gingen sie davon aus, dass er die Show ebenfalls gesehen hatte, und bestimmt bei ihr im Krankenhaus gewesen war. Das war er nach ihrer furchtbaren Zeit im letzten Jahr, nach der Vergewaltigung, ja auch gewesen...

Und so riefen sie nun bei Rea an, doch damit, seine Frau am Telefon zu haben, hatte Dana nicht gerechnet. "Ich wollte Rea sprechen, ist er da?" fragte sie, für ihre Verhältnisse etwas schüchtern. Obwohl sie Jo eigentlich vom letzten Jahr auch noch kannten und sie für recht nett befunden hatten. Rea hatte sie zu sich genommen, als Jess' Stiefvater diese in ihrer gemeinsamen Wohnung überfallen und erneut versucht hatte, zu vergewaltigen. Der Schon war so groß gewesen, dass Rea keine andere Möglichkeit gesehen hatte, als sie mit zu sich zu nehmen. Zumal Steffi damals Nothilfe anwenden musste, und zuerst befürchtete, den Mann erschlagen zu haben...
Jedenfalls war Jo ihnen sehr behilflich gewesen und nach anfänglichen kleinen Schwierigkeiten, war auch das Eis gebrochen. Sie hatte ihnen sogar das "Du" angeboten und war bei Jess' 18. Geburtstag dabei gewesen. Trotzdem, irgendwie war es nicht dasselbe wie bei Rea und ihnen.
Jo war selbst ein wenig überrascht, doch dann fing sie sich wieder. Rea war gerade erst zu Bett gegangen, theoretisch war es möglich, dass er noch nicht schlief, und sie ihn noch holen konnte, doch irgendwie wollte sie es nicht. Vielleicht schlief er aber doch schon, immerhin war er sehr müde gewesen, und sie würde ihn jetzt bestimmt nicht mehr wecken. Und so antwortete sie schließlich: "Rea ist ziemlich müde, Dana. Er ist schon zu Bett gegangen. Aber wenn ihr wissen wollt, wie es Jess geht: Rea war bei ihr im Krankenhaus. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht viel, aber was Rea mir erzählt hat war, dass sie wohl momentan noch "schlafen gelegt" wird - ich denke, er meinte künstliches Koma..." Weiter kam sie nicht, sie hörte ersticktes Keuchen aus der Leitung. "Koma... Oh Gott, nein..." Jo beeilte sich hinzuzufügen: "Künstliches Koma, Dana! Das ist etwas anderes als "normales" Koma. Sie wird wohl von den Ärzten "schlafen" gelegt, in der Regel macht man das, um die Atmung flach zu halten, und generell den Körper auf "Sparflamme" laufen zu lassen. Rea meinte, die Ärzte haben ihm versichert - so gut sie es eben können - dass Jess Morgen auch wieder aufwacht. Ihr könnt ja morgen früh noch einmal anrufen, oder Rea ruft euch zurück. Jetzt ist es wei gesagt zu spät dafür und ich hoffe, ihr habt Verständnis." Ihre Stimme klang irgendwie gepresst, und Dana und Steffi blickten sich an. Dann nickte Dana und sagte: "Okay... Danke, Jo. Und grüß Rea von uns, er möchte sich bitte so schnell wie möglich bei uns melden." "Ja, ok. Und bye!" Damit legte Josephine auf. Es war ihr schon nicht ganz wohl dabei, Rea nicht wenigstens etwas von dem Anruf der Mädchen zu erzählen, doch wenn er wirklich eingeschlafen war, dann würde es ja auch ausreichen, wenn sie es ihm Morgen früh sagte. Jetzt wurde sie ebenfalls müde, doch sie haderte noch mit sich, sollte sie ebenfalls ins Bett? Normalerweise freute sie sich, zu ihrem Mann ins gemeinsame Schlafzimmer, und damit ins gemeinsame Ehebett zu kommen, aber dieses Mal war es irgendwie anders. Der Streit lag ihr immer noch in den Knochen, und schließlich überlegte sie, dass sie noch ein wenig auf dem Sofa bleiben, und fern sehen wollte. Und während sie noch darüber nachdachte, was sie eigentlich schauen wollte, war sie eingeschlafen...

Dana und Steffi hatten irgendwie das Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmte, doch sie wollten nicht weiter nachfragen. Also nahm Steffi schließlich noch ihr Handy und schrieb abschließend eine SMS auf Reas Handy: "Hallo Rea, wir haben gerade mit Jo telefoniert, wegen Jess. Bitte ruf uns spätestens Morgen früh an, wir wollen wissen, ob wir ins KH dürfen, Jo sagte, Jess wird es schaffen? Kann sie dann auch Besuch empfangen? Was genau hatte sie denn? Bitte melde dich. Steffi und Dana." Dann war sie fertig und beide gingen ebenfalls zu Bett. Natürlich machten sie sich immer noch große Sorgen, doch sie konnten nur hoffen, dass es Jess bald wieder besser gehen würde...

In der Zwischenzeit hatten sowohl Heather als auch Maurice, die beide verhaftet worden waren, ihre Pflichtverteidiger gestellt bekommen. Und die Befragungen gingen weiter, auch, wenn es bereits mitten in der Nacht war. Auch Heathers Vater war dazu gekommen. Er wollte bei der Befragung seiner Tochter dabei sein, und noch etwas anderes heraus finden. Langsam glaubte er auch nicht mehr daran, dass die Behauptungen seiner Tochter, Rea Garvey betreffend, der Wahrheit entsprachen. Doch er wollte es aus ihrem Mund hören, dass auch dies eine Lüge gewesen war. Er war schon fassungslos genug über das, was er von ihr bereits gehört hatte. Und so setzte er sich direkt neben den Polizisten, der sie befragte, ihr gegenüber, doch zuerst schwieg sie beharrlich. Selbst das Geständnis, das sie bereits abgegeben hatte, wiederholte sie zuerst nicht, und ihr Verteidiger riet ihr auch dazu, dies weiterhin nicht zu tun. Doch natürlich entging ihr ihr Vater nicht, der genau neben dem Polizisten saß, der sie befragte, und sie wurde doch ein wenig nervös, obwohl sie sich eigentlich geschworen hatte, es nicht an sich heran kommen zu lassen. WAs ging es sie denn an, wenn ihr Vater jetzt anscheinend auf der anderen Seite stand? Der hatte sie doch auch nie geliebt! Und so verschränkte sie die Arme und schwieg auch weiterhin. Ihr Vater sah sie an: "Was ist aus dir geworden, Heather... Habe ich - haben WIR - dich so erzogen?...." Aus seiner Stimme klang Trauer mit. Heather blickte ihn nur einmal kurz an, dann schaute sie wieder weg. Jetzt kam er auch noch mit so was an. Wollte er sie weich weinen? Das konnte er definitv vergessen!

Schließlich war ca. eine Stunde vergangen, in der im Grunde gar nichts passierte, und die Verantwortlichen schon die erste Befragung aufgeben, und Heather zurück in ihre Zelle bringen wollten, als plötzlich die Tür geöffnet wurde, und ein anderer Polizist eintrat: "Wir haben das Geständnis des Jungen. Er hat alles zugegeben, und sie als diejenige angegeben, die ihm die Medikamente übergeben hat. Wir haben sie!" Damit legte er dem Polizisten eine Akte auf den Tisch.
Heather war vollkommen irritiert. Dieser verdammte Idiot hatte gestanden? Das konnte doch nicht wahr sein! "Das ist eine Lüge! Dieser Vollidiot will sich doch nur aus der Affäre ziehen! Selbst wenn er SEINE Tat gestanden hat, hat das doch nichts mit mir zu tun!" versuchte sie erneut, ihre Haut noch zu retten. Doch bevor der Polizist etwas sagen konnte, hörte man die Faust ihres Vaters auf den Tisch knallen: "Jetzt hör mal zu, du kleine Kröte: Du hast doch bereits alles erzählt! Für wie blöd hältst du uns, und vor allem MICH? Meinst du, ich habe vergessen, was du vorhin noch alles zu Hause gesagt hast - vor Zeugen?? Ja, schade, dass es niemand aufgezeichnet hat, das stimmt wohl - aber es gab Zeugen, die dich gehört haben, und gesehen, als du mir das bestimmten Medikamt vor die Füße geworfen hast! Die Tabletten, die beinahe dafür gesorgt haben, dass das Mädchen hätte sterben können!" Er beugte sich weiter weiter vor, keiner hielt ihn in seinem Redefluss auf, also fuhr er fort: "Ist dir eigentlich bewusst, Heather, dass sie hätte sterben können? Wolltest du das vielleicht? Wolltest du sie töten?" Seine Augen funkelten.

Heather hatte erschrocken zugehört, eigentlich wollte sie sich nicht "fangen" lassen, aber das, was ihr Vater ihr jetzt unterstellte, war zuviel. Sie antwortete mit schriller Stimme: "Nein! Nein, ich wollte nicht, dass diese blöde Kuh sterben sollte! Man, der Typ hat mich darum gebeten, ihn mit ein paar "Sachen" zu unterstützen, damit er die Kleine "unschädlich" machen konnte. Wie auch immer er das meinte, wusste ich nicht. Es war SEINE Idee - ich hab ihm nur dabei geholfen. Ausgeführt und alles hat er es! "Und damit meinst du, bist du raus aus der Nummer?" fragte sie ihr Vater erneut. "DU hast ihm diese Tabletten gegeben. Und du hast genauso wenig gewusst, wogegen sie eigentlich sind, du kanntest dieses Medikament ebenfalls nicht, beziehungsweise wusstest über die verdammten Nebenwirkungen bescheid! Es war dir zumindest egal, und du hast es in Kauf genommen, dass sie sterben könnte - so sieht es aus! Ich schäme mich für dich, Heather.. Ach ja, und noch was: Wo wir gerade dabei sind, und du so schön in Fahrt bist: Ich will jetzt noch etwas von dir wissen: Diese verdammten Anschuldigungen gegen Rea Garvey, du du in die Welt gesetzt hast, und weswegen er nicht mehr bei "The Voice" dabei sein kann - sind die auch gelogen? Hast du dir diese Scheiße ebenfalls ausgedacht, um ihm eine reinzuwürgen, oder aus welchem Grund auch immer? ICH WILL DIE WAHRHEIT, HEATHER!" Das letzte hatte er gebrüllt.

Der Polizist neben ihm sah ihn an. Das war jetzt nicht mehr nach Plan gelaufen, und er wollte gerade etwas dazu sagen, zumal das auch nicht mehr wirklich zum Thema passte, doch Heather hatte bereits geantwortet. Mit vor Wut funkelnden Augen sagte sie: "JA! Ist es das, was du hören willst? Ja, ich habe mir alles ausgedacht, um diesem verdammten Mistkerl eine Lektion zu erteilen! Dieser Scheißkerl, der sich "Coach" nennt, kommt einfach so mit einer neuen an - und das ist ausgerechnet die, die er im vorigen Jahr schon so "gern" gehabt hat! Er hat sie doch schon voriges Jahr so hofiert, ihr den Hintern geputzt und alles hinterher getragen! Und woher weiß man denn, dass es nicht so war? Nach dem, was in ihrem Tagebuch steht, hat sie ihn wirklich "sehr, sehr gerne" - das kann man auch anders deuten... Und sie ist wirklich sehr schön, ich hab sie ja gesehen, in ihrer "ganzen Schönheit", unter der Dusche! Wer weiß, wie "gern" Rea sie wirklich hatte? Vielleicht ist das gar nicht so weit hergeholt, was ich gesagt habe..." Weiter kam sie nicht. Ihr Vater hatte sie während ihrer Redeflut einfach nur angestarrt. Er kannte seine Tochter nicht mehr wieder. Mühsam beherrscht fragte er: "Ich will nur noch eines wissen: Hat er dich jemals hart angefasst, oder dir irgendiwe anders weh getan? Hast du die blauen Flecken wirklich von ihm? Und war er es, der dir dein Handy zerstört hat?"
Er konnte sich die Antwort bereits denken, dennoch wollte er es von ihr hören. Und Heather ahnte, nein sie wusste, dass sie ohnehin keine Chance mehr hatte. "Nein! Weder noch. Die blauen Flecken habe ich mir selbst zugezogen, als ich zu Hause war, kurz nachdem Rea mich rausgeschmissen hatte. Und das Handy hab ich auf den Boden geschmissen... Jetzt zufrieden?" blökte sie ihn an, und dann sah sie, wie ihr Vater ohne weitere Worte aufstand, und sich umdrehte. Er blickte den Polizisten an und sagte: "Jetzt haben Sie was Sie wissen müssen, diesen Fall betreffend, und auch das andere. Ich hoffe, es hilft, Rea Garveys Reputation wieder herzustellen. Auf jeden Fall werden die Anzeigen gegen ihn zurück gezogen." Und dann drehte er sich noch einmal zu Heather um: "Du bist nicht mehr meine Tochter... Ich will dich nicht mehr sehen. Du bist das Letzte! Ich schäme mich für dich. So etwas habe ich nicht erzogen..." Damit verließ er das Befragungszimmer und ließ Heather mit dem Polizisten und ihrem Verteidiger alleine. Er war wirklich fertig mit ihr. Jetzt würde er erst einmal nach Hause fahren, und dann, am nächsten Tag, würde er dem Sänger die frohe Botschaft mitteilen, dass seine Tochter zugegeben hatte, sich das ganze Schmierentheater nur ausgedacht zu haben. Wenn es bis dahin nicht schon die Polizei getan hatte...

Heather war richtig geschockt gewesen, als sie ihren Vater gehört, und schließlich registriert hatte, dass er gegangen war. Sie hatten ihn noch nie so erlebt. Bis jetzt war ihm alles egal gewesen, was sie getan hatte, er hatte sich nie groß um sie gekümmert, um so größer war die Wut, die nun in ihr brodelte. Und ihr Verteidiger schlug vor, die Befragung nun zu beenden, nach Änderung der Sachlage, musste er auch seine Strategie ändern. Es stand eine Anklage wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung an, eventuell sogar wegen Beihilfe zur versuchten Tötung, auch, wenn sie es - noch - abgestritten hatte, dass dies ihr Motiv gewesen war. Doch das könnte ebenfalls gelogen sein, er musste da noch weiter in sie eindringen. Doch das musste bis morgen warten, jetzt war es schon spät. Das wussten auch die Polizisten, also wurde die Befragung aufgelöst und Heather für den Rest der Nacht in ihren Zellentrakt verbracht.
Dort war auch Maurice in seiner Zelle untergebracht, bei dem es ebenfalls auf der Kippe stand, weshalb er angeklagt werden würde: mindestens gefährliche Körperverletzung, aber es stand auch bei ihm versuchte Tötung im Raum. Er hatte auch zuerst versucht, es zu verschweigen, beziehungsweise abzustreiten, aber als ihm dann Polizisten die Flasche vor die Nase gestellt hatten, und ihm - wie von ihm bereits befürchtet - bestätigt hatten, dass seine Fingerabdrücke darauf gefunden wurden, hatte er schließlich ausgepackt. Natürlich fragten sie auch ihn nach seiner Motivation, um eben heraus zu finden, ob er Jess hatte töten wollen, und er versuchte mit Inbrunst zu überzeugen, dass er sie nur "unschädlich" machen wollte, so dass sie nicht in der Lage sein würde, an dem Abend zu singen, und nicht, sie für immer auszuschalten. Doch ob sie ihm das glauben konnten, wussten sie noch nicht. Auch für ihn begann eine furchtbare Nacht, in der er kaum schlafen konnte, wenn auch ein wenig aus anderen Gründen als Heather. Doch was beide gemeinsam hatten, war Wut. Sie waren wütend auf Gott und die Welt, und besonders Heather hasste Jess immer noch mehr als es gut für sie selbst war...

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Christal, 31
Traumland