11. Pure Verzweiflung

Zuerst einmal muss ich auch vor diesem Kapitel eine kleine Warnung angeben: Das Thema, das ich hier anschneide, könnte triggern... Aber es gehört einfach dazu und ich habe auch hier versucht, so sensibel wie möglich damit umzugehen; ich hoffe, es ist mir gelungen...

Mel

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Es waren noch einmal einige Tage ins Land gezogen, die 2. Live-Show war vorbei - und an Jess’ Zustand hatte sich leider nichts geändert. Sie lag immer noch im Koma. Rea war einige Male ins Krankenhaus gefahren und hatte sie besucht, doch er zermürbte ihn innerlich, dass er ihr nicht helfen konnte. Die Ärzte hatten zudem keine wirklich gute Prognose für sie, da der komatöse Zustand nun bereits einige Zeit anhielt und es sich nicht abzeichnete, wann und ob er sich überhaupt noch ändern würde. Auf der anderen Seite war es zumindest ein Hoffnungsschimmer, dass sie noch lebte - wenn man den Zustand als “Leben” bezeichnen konnte - aber er war zumindest stabil, nachdem die Ärzte sie wieder ins Leben zurück geholt hatten. Jess hatte zumindest keinen weiteren Herzstillstand erlitten. Dennoch war ihre Atmung immer noch inaktiv; sie wurde weiterhin intubiert.
Nein, ihr Zustand war nicht sehr viel versprechend und meistens holte Jo Rea nach einiger Zeit wieder aus dem Zimmer heraus.

Doch an diesem Tag war etwas anders als sonst. Schon am frühen Morgen waren die Monitore, die ihren Zustand überwachten kurz angegangen und hatten eine leichte Änderung angezeigt. Ihr Herzschlag hatte sich erhöht und auch ihre Atmung war schneller geworden - und dann hatte sie begonnen, plötzlich wieder selbständig zu atmen! Die Ärzte hatten nach Jess gesehen, doch noch änderte sich nichts an ihrem Zustand…
Dennoch ahnte die Ärztin, dass sich bald etwas ändern könnte. Sie gab Anweisungen, welche Medikamente Jess gegeben werden mussten; und einige Stunden später geschah das beinahe unmögliche: Jess erwachte aus dem Koma.
Die Ärztin musste natürlich noch weitere Untersuchungen an ihr durchführen; alleine um zu sehen, ob durch den versuchten Mordanschlag ihre Nerven und ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden waren, und dies war nur in einem wachen Zustand möglich.
Vorerst aber war es wichtig, dass sie die Veränderungen um sich herum wahr nahm, merkte wo sie war. Die Ärztin sprach Jess an, doch in den ersten paar Sekunden kam keinerlei Reaktion von ihr und diese wusste nicht, ob nicht doch etwas Ernsteres vorlag…

Jess tauchte aus einem tiefen Dunkel langsam zurück ins Licht. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und was um sie herum geschah, als sie die Augen öffnete; es war einfach nur grell um sie herum. Also schloss sie diese auch gleich wieder. Sie hörte, dass jemand sie ansprach, doch sie reagierte nicht. Sie wollte nicht reagieren. Sie wusste ohnehin nicht, was sie sagen sollte. Dann öffnete sie die Augen doch wieder und sah sich erneut um - war das ein Krankenzimmer, in dem sie lag? Was machte sie hier?
Und plötzlich überkam sie die Erinnerung wie ein Keulenschlag - “The Voice”, die Show, Rea… Die Vergewaltigung… Und Jess ahnte, dass sie den Überfall wohl “überlebt” hatte.. Doch wieso? Wieso hatte sie überlebt, verdammt noch mal? Wollte Gott sie bestrafen? Nach allem was sie hatte durchmachen müssen, ließ Er sie auf dieser verfluchten Welt? Das konnte doch nicht wahr sein… Oder war dies das Werk des Teufels, dass sie wieder zurück gekehrt war? Sie hatte keine Ahnung, aber es war ihr auch egal. Sie wollte das nicht! Und als sie die Stimme hörte und registrierte, dass anscheinend jemand mit ihr redete, tat sie einfach so, als würde sie es nicht hören.


Die Ärztin überprüfte weiterhin Jess’ Werte und kam zu der Überzeugung, dass Jess soweit in Ordnung war. Zumindest war es nicht anders als bei anderen Komapatienten, die gerade aus diesem Zustand erwacht waren. Auch, wenn sie sich ein wenig Sorgen machte, dass Jess nicht reagierte, so wollte sie diese auch nicht allzu sehr bedrängen. Sie versorgte sie zum Abschluss noch mit weiteren Medikamenten, dann verabschiedete sie sich und nahm sich vor, als nächstes Rea Garvey zu kontaktieren. Er wartete ja bereits auf Neuigkeiten und diese war bestimmt eine, die ihn sehr erfreuen würde…

Und so klingelte einige Sekunden später Reas Handy. Er war gerade bei seinen Freunden im Aufenthaltsraum um die nächsten Pläne durchzusprechen, es ging ja auf das Halbfinale zu, als er das Handy hörte. Gehetzt holte er es aus der Tasche und sah direkt, dass es die Klinik war. “Ist die Klinik, Leute; ich muss drangehen!” sagte er, und alle nickten. Sie waren selbst gespannt und fragten sich, was nun wohl für Neuigkeiten auf sie warteten. An Reas Gesichtsausdruck konnten sie alle erkennen, wie nervös er war, doch nachdem er schließlich den Anruf angenommen hatte, klärte sich nach einigen Sekunden sein Gesichtsausdruck vollständig auf und machte einem breiten Lächeln Platz: “Sie is aufgewackt? Is das ihr Ernst? That’s great!” Auch die anderen strahlten. Anscheinend war Jess aus dem Koma erwacht! Sie sahen, wie Rea sich etwas abseits stellte und hörten ihn schließlich sagen: “Yes, ich komme! Sagen Sie ihr, dass ick auf die Weg bin! So schnell wie’s geht!”

Dann legte er auf und sah seine Freund an: “Tut mir leid, aber ich muss ins Krankenhaus, Jess is wach und sie sieht nicht so gut aus - sie scheint nicht zu reagieren oder realisieren, wo sie ist und antwortet auch nicht auf die Fragen der Ärztin… Ich muss da hin, nach ihr sehen…” Alle nickten und bestätigten ihn. Natürlich hatten sie Verständnis und alles andere konnten sie später auch noch nachholen. “Nun geh schon, Rea - wir halten hier die Stellung” sagte Nena und lächelte. “Grüß Jess von uns”, sagte auch Xavier und die Jungs von Boss-Hoss nickten: “Ja, von uns auch!” fügten sie noch hinzu.
Rea nickte ebenfalls und dann verließ er ohne weitere Worte das Zimmer. Es brauchte keine weiteren Worte mehr. Seine Freunde verstanden ihn.

Nach einigen Minuten hatte er das Krankenhaus erreicht und rannte so schnell er konnte in die Notaufnahme. Er ging davon aus, dass Jess, auch wenn sie erwacht war, immer noch dort liegen würde und er hatte selbstverständlich Recht.
Die Ärztin erwartete ihn schon und fing ihn vor Jess’ Tür ab: “Mr. Garvey, schön, dass sie gekommen sind. Also vorerst einmal: Jess ist zwar wach aber sie ist noch nicht wirklich einhundertprozentig klar. Wir sind noch dabei ihre Werte zu überprüfen, auch im Hinblick auf Hirn- oder andere Schäden, die durch den Mordanschlag an ihr entstanden sein könnten. Bis jetzt haben wir nichts dergleichen entdecken können, aber das kann man leider manchmal erst später wirklich feststellen… Also was ich sagen will: Sie können mit ihr reden, aber überanstrengen Sie sie bitte nicht. Und es kann durchaus sein, dass sie auch Ihnen gegenüber nicht wirklich gesprächig ist…” Weiter kam sie nicht, denn Rea unterbrach sie: “Machen Sie sich keine Sorgen; ich werd Jess nicht bedrängen, wenn Sie dies meinen. Ich bin schon wahnsinnig froh, dass sie wieder wach ist! Da werde ich nichts tun, was sie in irgendeine Form gefährden konnte…”
Die Ärztin nickte und so öffnete Rea schließlich die Tür zu Jess’ Zimmer…

Sie lag dort und starrte an die Decke. Auf der einen Seite freute es Rea wirklich, sie wieder wach zu sehen, doch er konnte geradezu spüren, wie verzweifelt das Mädchen war. Und das tat ihm in der Seele weh. Dennoch ging er zu ihr und nahm langsam ihre Hand in seine. Er meinte, so etwas wie ein kleines Zucken gespürt zu haben, doch das war so minimal gewesen, dass er es sich auch eingeredet haben konnte, eine größere Reaktion bekam er nicht; auch nicht, als er sie ansprach. Jess drehte sich nicht einmal zu ihm herum. Alles, was sie tat, war einfach nur an die Decke zu schauen, regungslos, sie blinzelte nicht einmal…
Rea musste schlucken. War sie wirklich wach? Doch die Ärztin hatte es ihm ja gesagt… Außerdem erinnerte er sich daran, dass sie zuvor, als sie noch im Koma gelegen hatte, die Augen geschlossen hatte, nun waren diese offen. Nein, sie war wach, aber sie zeigte keinerlei Regung. Rea machte sich Sorgen. Hatte die Ärztin Recht und dies war bereits eine der Nachwirkungen des Mordanschlags? Der Bastard hatte immerhin versucht, sie zu ertränken! Doch daran wollte er nicht glauben, er fürchtete viel eher, dass dies etwas mit ihrem seelischen Zustand zu tun hatte, direkt nach der Vergewaltigung…

Rea versuchte erneut, Jess anzusprechen. Wieder erfolgte keinerlei Reaktion. Doch schließlich, nach einigen Minuten, in denen die Stille für Rea beinahe unerträglich wurde, drehte Jess schließlich ihren Kopf zur Seite - allerdings auf die andere Seite, von Rea fort! Er war geschockt. So wie es aussah wollte sie nicht von ihm angesprochen werden, das war eindeutig… Er überlegte kurz, ob er es erneut versuchen sollte, ihren Kopf zu sich drehen sollte, sie zwingen sollte, ihn anzusehen; doch dann entschied er sich dagegen. Nein, er wollte das Mädchen zu gar nichts zwingen. Sie war gerade erst aufgewacht und es wäre vermessen, zu glauben, dass sie ihm nach allem was geschehen war, direkt um den Hals fallen würde, vor Freude ihn zu sehen… Zumal wieder der kleine Funke in ihm hoch kam, der ihm sagte, dass er eine Mitschuld an dem ganzen furchtbaren Geschehen trug; doch dann riss er sich wieder zusammen. Er hatte sich entschieden, er würde wieder gehen. Jess war noch nicht soweit.
Zum Abschluss drückte Rea ihre Hand noch einmal und sagte leise, aber so laut, dass sie ihn hören konnte - und Rea war davon überzeugt, dass sie dies konnte: “Ick komme wieder, dann konnen wir reden, wenn du magst! Ich bin immer fur dich da! Bye my dear!” Dann ließ er ihre Hand los und ging hinaus. Die Ärztin war etwas erstaunt, ihn schon wieder kommen zu sehen, sie hatte einen längeren Besuch erwartet, doch Rea erklärte ihr seine Beweggründe und sie verstand ihn. “In Ordnung, vielleicht ist sie ja beim nächsten Mal schon in ein wenig besserer Verfassung als jetzt” mutmaßte die Ärztin und Rea nickte. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung, was noch auf sie zukommen würde, Jess betreffend..
Rea verließ die Klinik und fuhr zurück ins TV-Gelände…


Zwei Tage waren seitdem ins Land gezogen, zwei Tage an denen sich an Jess‘ Zustand laut der Ärzte nichts verbessert hatte. Auf der einen Seite war Rea erleichtert und froh darüber gewesen, dass Jess endlich wieder aufgewacht war, doch er hatte ihre Verzweiflung geradewegs spüren können. Als er in ihrem Zimmer gewesen war, kurz nachdem ihn die Ärzte darüber informiert hatten, dass Jess aus dem Koma erwacht war, hatte sie ihn ja nicht einmal ansehen, geschweige denn mit ihm sprechen wollen… Rea musste schlucken, als er an den Augenblick zurück dachte. Er hatte sie nicht zwingen wollen, mit ihm zu reden; daher war er wieder gegangen. Doch in den letzten zwei Tagen hatte er genug Zeit gehabt, weiter über sie nachzudenken und tief in sich drin wusste er, dass das Mädchen Hilfe brauchte. Sie war erneut dabei, sich zurück zu ziehen; in Verzweiflung zu versinken, und das war alles andere als gut! Rea fühlte sich mies. Er nahm sich vor, es erneut zu versuchen und dieses Mal würde er nicht so schnell aufgeben. Er musste ihre Hülle durchdringen, die Schutzhülle, die sie wieder versuchte, um sich aufzubauen. Rea ahnte, dass vermutlich gerade alles, was sie in den letzten Jahren an Kraft und Vertrauen, beziehungsweise Selbstvertrauen, aufgebaut hatte, wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen war, und das durfte nicht so weiter gehen! Und so machte er sich erneut auf den Weg zu Jess ins Krankenhaus…

Jess lag in ihrem Zimmer und starrte an die Decke, wie eigentlich die ganze Zeit, seit sie wieder erwacht war. Sie wusste nicht, was sie hier eigentlich sollte. Warum war sie nicht tot? Weshalb hatte “Gott” oder sonst wer sie wieder aufwachen lassen? Was sollte das? Gab es überhaupt einen Gott? Oder hatte eher der “andere” etwas damit zu tun? Vielleicht war es eine Strafe? Eine Strafe dafür, dass sie sich nicht gewehrt hatte, als er über sie her gefallen war? Ja, sie hätte sich wehren müssen, stattdessen war sie dort liegen geblieben wie ein kleines Kind und hatte ihn gewähren lassen.. Es war alles ihre Schuld; nur sie alleine trug die Verantwortung…
Jess konnte nichts dagegen tun, als Tränen aus ihren Augen ihre Wangen herunter liefen. Sie hielt sich nicht einmal damit auf, sie abzuwischen. Jess hielt das alles nicht mehr aus. Sie schämte sich so dermaßen, dass sie es kaum beschreiben konnte… Sie würde niemandem mehr in die Augen schauen können - und Rea am Allerwenigsten. Er war einmal hier gewesen und wollte sie sehen, doch wie konnte sie ihrem Couch, der alles für sie getan hatte, denn noch ins Gesicht sehen? Rea hatte sich zwar nichts anmerken lassen, aber er musste sich doch für sie schämen! Nein, Jess wollte und konnte nicht mehr. Sie hatte andere Pläne. Dunkle Pläne, die durch ihren Kopf zogen; und dieses Mal war sie bereit dazu, es durchzuziehen…
Doch sie musste sich Gedanken machen, wie genau sie es bewerkstelligen sollte. Sie war in einem Krankenhaus, und es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie dort heraus kam. Sie wurde beobachtet, zumindest die meiste Zeit, Schwestern und Ärzte kamen und gingen, und sie hatte keine Möglichkeit, mal eben an Medikamente heran zu kommen - oder sich einen spitzen Gegenstand zu besorgen, mit dem sie sich die Pulsadern aufschneiden konnte… Zumal das auch schon beim ersten Mal nicht funktioniert hatte… Jess hob die Hand und sah beinahe wie hypnotisiert auf ihre Narbe an der linken Hand. Nein, das würde sie nicht noch einmal machen, das “Risiko” es wieder nicht zu schaffen war ihr zu groß. Doch was blieb dann noch übrig? Sie konnte und wollte nicht so lange warten, bis sie hier entlassen wurde, das konnte noch eine ganze Weile dauern…

Dann hatte sie eine Idee. Für heute Abend war die Schwester bereits bei ihr gewesen und hatte ihr die Portion Medikamente gegeben, die sie jeden Abend bekam. Jess wusste, dass es Schmerz- und leichte Schlafmittel waren, doch die Wirkung der Schlafmittel hielt sich in Grenzen und ließ zu Wünschen übrig. Sie war zudem zu aufgewühlt und wirklich an Schlaf zu denken. Jess musste einfach etwas probieren. ‘Jetzt oder nie!’ dachte sie, dann stand sie langsam auf. Zuerst wurde ihr leicht schwindelig, als sie sich langsam aufsetzte; doch dann gewöhnte sich ihr Körper wohl langsam daran. Jess zögerte nicht mehr lange, sondern entfernte sich die Infusionen, die ihren Körper mit Nährstoffen und anderen wichtigen Sachen versorgten und machte sich so schnell wie es ihr möglich war, daran, aus dem Zimmer zu verschwinden. Die Anlagen blinkten, und sie ging beinahe sekündlich davon aus, dass Ärzte oder Schwestern bei ihr auftauchen würden, doch dies geschah nicht. Merkwürdigerweise kam niemand, und Jess schaute um die Ecke in den Gang hinein. Es war relativ ruhig um diese Zeit, vermutlich waren die Schwestern mit ihrer Runde fertig und die Ärzte hatten noch keine Visite gemacht? Sie wusste es nicht, doch es half ihr, bei der Ausführung ihres Plans.

Jess suchte den Gang nach etwas speziellem ab. Sie hoffte, dass sie eine Treppe finden würde; einen Weg, der sie nach oben führen würde - auf das Dach des Gebäudes! Sie konnte sich zwar denken, dass es den Alarm auslösen würde, wenn sie die Tür, sollte sie denn eine finden, öffnete, aber wenn sie es schnell erledigen würde, würden sie nicht mehr dazu kommen, sie davon abzuhalten…
Jess hastete so schnell es ihr möglich war, durch die Gänge. Sie fühlte sich nicht wirklich gut. Jetzt wurde ihr langsam bewusst, was die Infusionen in ihrem Körper bewirkt hatten, und da diese nun fehlten, war ihr dementsprechend übel.

Zudem war sie müde, das merkte sie jetzt auch ein wenig. Das Medikament, das sie vorhin nehmen musste, zeigte doch eine gewisse Wirkung…
Aber sie durfte sich davon nicht beirren lassen! Jess riss sich zusammen und lief weiter, so schnell es ihr möglich war, durch den Gang. Dann hatte sie schließlich doch Glück. Vor ihr war eine Tür, die sie an einen Treppenhauszugang erinnerte - und sie öffnete diese. Eigentlich hatte sie beinahe erwartet, dass diese verschlossen war, oder sie einen Signalton hören würde, doch nichts dergleichen geschah. Die Tür war offen! Und sie hörte nichts! ‘Vielleicht ein stiller Alarm?’ dachte Jess, doch weiter wollte sie nicht darüber nachdenken. Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, dann hatte sie jetzt nicht mehr wirklich viel Zeit. So schnell es ihr möglich war, lief sie die Treppen hinauf. Der Weg war hart und Jess’ Schmerzen stiegen massiv an. Doch sie hielt durch. ‘Bald werden die Schmerzen vorbei sein - für immer’, mit diesen Gedanken hielt sie sich über Wasser, während sie immer weiter die Treppe hinauf stieg…
Dann war sie oben angekommen. Merkwürdigerweise hatte sie keine Schritte hinter sich gehört, niemand schien ihr gefolgt zu sein… Jess dachte nicht weiter darüber nach. Sie öffnete die Tür, die vor ihr lag und sah das Dach.
Alles war so, wie sie es sich erhofft hatte. Sie zögerte nur eine Sekunde, in der sie noch einmal kurz die Luft hart in ihre Lungen einzog. Dann schloss sie kurz die Augen und öffnete sie wieder - und ging auf den Rand des Daches zu. Jess wollte ihren Plan wahr machen. Und es half ihr nichts, wenn sie lange darüber nachdachte. Ihr Leben war vorbei, und sie würde nun das beenden, was schon lange beschlossene Sache gewesen war. Alles, was vor der erneuten Vergewaltigung geschehen war, war nur ein schöner Traum gewesen, und dieser war nun definitiv zerplatzt. Sie dachte an nichts anderes mehr, als sie schließlich auf die Erhöhung, den Rand des Daches, kletterte und von dort hinab schaute. Die Höhe schockierte sie zuerst doch ein wenig, und auch, wenn sie nicht wusste was es war, hielt sie etwas davon ab, direkt zu springen. Jess starrte einfach nur nach unten. Fehlte ihr etwa der Mut? Sie schloss die Augen. Sie wollte es! Deswegen war sie hier; also warum tat sie es dann nicht? Langsam trat sie noch einen Schritt nach vorne, als sie plötzlich einen Schrei hinter ihr hörte, und die Stimme des Mannes, der geschrieen hatte, kam ihr bekannt vor…


Kurze Zeit zuvor hatte Rea sich entschlossen, doch noch einmal nach Jess zu sehen. Auch, wenn diese ihn zuvor nicht hatte sehen wollen. Er wusste selber nicht, weshalb, doch irgendwie überkam ihn seit einigen Minuten so ein komisches Gefühl in der Magengegend… Rea schüttelte den Gedanken ab und fuhr erneut ins Krankenhaus. Als er angekommen war, war sein erster Weg selbstverständlich direkt zu Jess. Auch, wenn er wusste, dass sie ihm vermutlich nicht antworten würde - er wusste ja nicht einmal, ob sie überhaupt mit ihm sprechen würde - klopfte er dennoch an. Einfach aus Höflichkeit, weil er nicht einfach so in ihr Zimmer platzen wollte. Außerdem wusste er auch nicht, ob die Visite schon stattgefunden hatte und Jess eventuell schlafen würde; doch wenn dies der Fall sein sollte, würde er eben wieder gehen. Als Rea nichts hörte, öffnete er schließlich doch die Tür - und blieb erstmal wie angewurzelt an der Eingangstür stehen. Das Bett, in dem Jess eigentlich liegen sollte, war leer. Was war das denn? Reas Alarmsirenen, die vorher irgendwie schon leicht gesummt hatten, sirrten nun vollständig. Etwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung! Wieso war Jess nicht in ihrem Bett? War sie vielleicht im Badezimmer? Das Bad grenzte direkt ans Zimmer an und Rea zögerte nicht lange, dort hinein zu schauen. Doch auch dort war Jess nicht zu finden. Als nächstes fiel Rea noch ein, dass es ja sein könnte, dass sie zu einer Untersuchung musste; es musste ja nicht direkt das Schlimmste bedeuten, dass sie nicht in ihrem Zimmer war…

Rea trat aus dem Zimmer heraus und lief beinahe eine Schwester über den Haufen, die gerade in seine Richtung kam. “Where’s Jess? Wo ist das Mädchen? Sie ist nickt in ihre Zimmer!” kam er direkt zur Sache. Die Schwester sah ihn zuerst etwas erstaunt an, dann stellte sie ihren Wagen, den sie durch die Gänge fuhr, ab und lief ebenfalls ins Zimmer hinein. “Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht… Vorhin habe ich ihr noch ihre Medikamente verabreicht - ein starkes Schmerz- und ein etwas leichteres Schlafmittel - und dann bin ich wieder gegangen. Eigentlich müsste sie jetzt schlafen…” Rea wurde kalt. Er konnte aus der Stimme der Schwester echte Besorgnis heraus hören und das machte ihm gelinde gesagt wirklich Angst. Die Hoffnung, dass Jess einer Untersuchung unterzogen wurde, verschwand.
“Das Mädchen kann doch nickt einfach verschwunden sein?!?” fuhr er die Schwester an, doch diese zuckte nur mit den Schultern. “Es tut mir leid, ich kann es mir wirklich nicht erklären. Eben war sie noch da..” “FUCK!” rief Rea und ließ die ebenfalls ziemlich verstörte Schwester einfach stehen. Etwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung, und er musste jetzt heraus finden, was hier los war!

Rea musste eine der Ärzte sprechen. Er lief einige Sekunden, dann hatte er Glück und eine Ärztin lief ihm über den Weg. “Wait! Jess ist verschwunden! Und ich will wissen, where she is!” Er war vollkommen aufgelöst. Panik hatte sich bei ihm breit gemacht, und das unbestimmte Angstgefühl in ihm wurde immer größer. Die Ärztin sah ihn an und wollte gerade fragen, was er meinte und was das ganze sollte, als die Schwester ebenfalls dazu kam: “Mr. Garvey hat Recht. Das Mädchen ist verschwunden. Ich habe ihr vorhin noch ihre Medikamente verabreicht, doch nun ist sie nicht mehr in ihrem Zimmer - und sie ist auch sonst nirgendwo aufzufinden! In der ganzen Station nicht!” Ihre Stimme zitterte. Rea zitterte ebenfalls und er schwitzte. Etwas stimmte hier nicht - ganz und gar nicht!

Die Ärztin versuchte erst einmal, alle zu beruhigen, doch das funktionierte zumindest bei Rea nicht wirklich. “Ich will wissen, wo die Mädchen ist! Where is Jess? Sie kann doch nicht einfack so verschwinden, verdammt noch mal!” Er war zum Schluss immer lauter geworden. “Ganz ruhig, Mr. Garvey. Wir werden sie finden! Okay? Also wir werden jetzt in unseren Beobachtungsraum gehen, dort sind Monitore aufgestellt. Diese beobachten die Zimmer und die Gänge. Vielleicht haben die etwas aufgezeichnet. Kommen Sie mit, wenn sie wollen.” Das ließ sich Rea natürlich nicht zweimal sagen und so folgte er der Ärztin, die ihn in einen großen Raum führte. Rea konnte sofort erkennen, dass in dem Raum sehr viele Monitore standen, in denen tatsächlich Gänge und Zimmer beobachtet wurden. Doch es war niemand in dem Raum, der die Monitore beobachtete…

Rea runzelte die Stirn und sagte erst einmal nichts. Die Ärztin telefonierte einmal und kurz darauf kam ein weiterer Mitarbeiter, der sich an die Bildschirme setzte und an einem davon etwas länger herum spielte. Rea wurde immer nervöser. Warum dauerte das so lange? Was machte der Typ da? Dann sah er es, gerade als er ihm die Frage lauthals stellen wollte: Der Mitarbeiter hatte den Monitor auf Jess’ Zimmer eingestellt und auf die Zeit zurück gestellt, in der sie noch im Zimmer gewesen war. Rea konnte sehen, wie die Schwester, die er vorhin getroffen hatte, ihr die Medikamente verabreichte, dann verließ sie den Raum. Der Mitarbeiter spulte das Video, um das es sich anscheinend handelte, ein wenig vor, und kurze Zeit später konnten alle mit ansehen, wie Jess aus dem Bett aufstand, ihre Schläuche abmachte - Rea spannte sich an, das gefiel ihm ganz und gar nicht - und schließlich aus dem Zimmer lief.

Rea konnte den pfeifenden Atem der Ärztin neben ihm hören, anscheinend bekam diese langsam auch Herzrasen… Sie gab dem Mitarbeiter die Anweisung, einen anderen Monitor genauso zurück laufen zu lassen; dieser zeigte ihnen den Gang an, in dem sich Jess nun befand. Nach einigen Sekunden konnten sie sie schließlich sehen, wie diese sich auf dem Gang bewegte. Sie lief schnell, doch so, als hätte sie Schwierigkeiten.. Und dennoch schien sie ein Ziel zu haben, auch, wenn keiner sich wirklich erklären konnte, was für eines…
Dann sahen sie, wie Jess an einer Tür hielt und versuchte, diese zu öffnen. Es gelang ihr auch und sie sah sich noch einmal nach beiden Seiten um - und verschwand durch die Tür.
Die Ärztin wurde blass. “Oh mein Gott…” entfuhr ihr, und Rea starrte sie an: “What is hinter diese Tür? Wohin fuhrt sie?? Sprechen Sie!” er brüllte beinahe. Die Ärztin schluckte, dann antwortete sie so beherrscht sie nur konnte: “Diese Tür sollte eigentlich zu sein! Und wenn jemand es schafft, sie zu öffnen dann hätte ein Alarm ausgelöst werden müssen! Die Tür führt zum Dach!”…

Nun war es heraus. Die ersten Sekunden herrschte Schweigen in dem Raum, dann begriff Rea, was das bedeutete. “Haben Sie eine Video from die Dach?” fragte er nach, doch die Ärztin schüttelte den Kopf. Doch das brauchte sie auch gar nicht. Rea ahnte, dass jede Sekunde zählte. Es gab nur einen Grund, weshalb Jess auf das Dach wollte - wegen der schönen Aussicht dort bestimmt nicht…

Er zögerte nicht mehr lange. “Wo ist diese Tür! Ich will ebenfalls dort hin! Now! - We have to hurry!” Die Ärztin nickte und sie und Rea rasten so schnell es ihnen möglich war zu der Tür, die Jess kurze Zeit zuvor benutzt hatte, ohne dass es ihnen aufgefallen war. Es war ihr ein Rätsel, wie das passieren konnte, doch das war jetzt erst einmal zweitrangig. Das würde sie später heraus finden. Jetzt war es erst einmal wichtig, das Mädchen von dem abzuhalten, was sie wohl gerade versuchen würde… Denn natürlich war es auch ihr klar, was Jess vorhatte..

Dann war es soweit. Rea war voraus gelaufen und hatte mehrere Stufen gleichzeitig genommen, als ihm der Weg klar vor Augen lag. Schließlich öffnete er die Tür und fiel beinahe wieder zurück, als er sie vor sich sah. Jess stand auf dem Dachsims, einer kleinen Erhöhung, und schaute beinahe wie hypnotisiert herunter. Dann trat sie noch einen Schritt vor - und Rea wusste, dass sie springen würde. Der Schrei entfuhr ihm beinahe automatisch…

“Jess, nicht!!!” Er trat auf sie zu, bereit sie abzuhalten, sie von dem Dachsims zu reißen; doch er kam nicht dazu. Jess hatte ihn gehört und drehte sich um. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und Rea konnte ihre Verzweiflung sehen - und geradewegs spüren. Dann hörte er sie sprechen: “Komm ja nicht näher! Hau ab, oder willst du dabei zusehen?”…
Rea wurde kalt. Er war stehen geblieben und trat instinktiv einen Schritt zurück. Ihm wurde schlagartig klar, dass Jess es todernst meinte und springen würde. Er musste alles tun um das zu verhindern, und wenn er erst mal einen Schritt zurück treten musste. “O.. Okay, ich, ich tue alles, was du sagst, Jess… Ich komme nicht näher, okay? Versprocken… Aber please; please tu das nicht! Ich bitte dich! Komm da runter, Jess…” Jess schüttelte nur den Kopf. “Verschwinde! Ich will nicht, dass du dabei zusiehst, aber wenn es sein muss, dann geht es eben nicht anders!” Sie trat erneut einen Schritt vor - Reas Stimme hallte erneut zu ihr herüber. “Bitte, Jess… No! Come down there - wir werden reden! Du musst das nickt tun; es gibt eine Lösung!”.. Weiter kam er nicht, denn er hörte ein Geräusch, das sich gleichzeitig nach Weinen und hysterischem Lachen anhörte; dann antwortete ihm Jess beinahe sarkastisch: “Es gibt eine Lösung? Ja, die gibt es.. Die einzige, die mich erlösen wird - und davon wird mich keiner abhalten! Ich hätte das schon viel früher tun sollen, dann wäre mir das Schlimmste erspart geblieben…”

Rea musste schlucken und schloss kurz die Augen. Das war furchtbar. Ihm musste etwas einfallen - jetzt! Mittlerweile waren auch die Ärztin und andere Ärzte dazugekommen, doch Rea machte ihnen klar, dass sie sich raus halten sollten, sie machten alles nur noch schlimmer. Wenn jemand auch nur den Hauch einer Chance haben würde, an Jess heran zu kommen, dann war er es! Er versuchte es erneut: “Jess, bitte! Ich, ich wurde es nicht ertragen, wenn du das tust!” Langsam versuchte er sich an sie heran zu pirschen - mit Worten. “Du bist so eine wunderbare Mensch… Du hast deine ganze Leben noch vor dir…”
Wieder hörte er ihr beinahe sarkastisches kurzes Auflachen, das sich mit einem kurzen Weinen paarte. Dann antwortete sie, ohne ihn anzusehen, ihr Blick war immer noch nach unten gerichtet: “Klar, ich habe mein Leben noch vor mir.. Was denn für ein Leben? Das, in dem ER mich holen kann, so wie er lustig ist? Nein, das ertrag ich nicht mehr.. Lass mich doch endlich zufrieden! Lass mich sterben!”
Rea schüttelte den Kopf. Er durfte jetzt nicht aufgeben; sie redete, das war zumindest schon mal ein Anfang! “Jess, hor mir zu! Niemand wird dir so etwas noch einmal antun! Er wird gefasst werden, und dann wird er sein Strafe bekommen, das schwore ich dir!”

Jess hatte sich zu ihm umgedreht - er konnte ein Funkeln in ihren Augen erkennen - und antwortete: “Du schwörst mir, dass er mir nichts mehr tun kann? Das hast du doch schon einmal getan, erinnerst du dich? Und was ist passiert? Er ist über mich hergefallen wie ein Tier über seine Beute! Du kannst gar nichts tun Rea - keiner von euch kann es verhindern. Keiner von euch hat es verhindert, und niemand kann es verhindern, wenn er es noch einmal tut. Ich will das nicht mehr! Er hat es geschafft, Rea.. Er hat mich getötet..” Sie kam nicht weiter, denn Rea fiel ihr ins Wort: “Nein, Jess, dass darfst du nicht zulassen! Du hast es schon soweit geschafft… Du haddest Selbstvertrauen - Selfconfidence - und so eine wunderbare Talent, mit der du etwas anfangen kannst; auf der du aufbauen kannst! Ich werde dir dabei helfen. Das verspreche ich dir!..” Wieder unterbrach ihn Jess: “Meinst du, du machst es mir leichter, wenn du mir von meiner verbauten Chance vorbetest? Ich weiß, dass ich keine Gelegenheit mehr haben werde, bei “The Voice” mitzumachen…” “Das ist nicht wahr! Deine Gelegenheiten und Chances beschränken sich sicherlich nicht nur auf “The Voice” - aber darüber reden wir später! Jetzt komm bitte da runter; ich meine es serious - ich werd dir helfen… Ich werd für dich da sein - solange du mich brauchst! Und ich mein es ernst; ich werde niemals wieder zulassen, dass er dir so etwas antut..” “Wie willst du das denn schaffen? Haben sie ihn denn mittlerweile gefunden?” So etwas wie Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit, und Rea tat es in der Seele weh, es zerstören zu müssen. Doch er brauchte gar nicht zu antworten, Jess verstand es auch so: “Also nicht… Dann ist doch klar, dass er es wieder tun wird… Nein, Rea. Lass mich endlich alleine; ich will das alles nicht mehr; ich will diese Gefühle nicht mehr, ich will dieses Leben nicht mehr…”

Rea ahnte, dass er nur noch eine kleine Chance hatte. Er musste sie nutzen. Jetzt! Bevor es definitiv zu spät war. Er hatte alles an Argumenten angewendet, die ihm eingefallen waren, doch bis jetzt hatten sie alle nichts genutzt. Es gab nur noch eine Sache, die ihm spontan in den Sinn kam - und er konnte nur hoffen, dass sie wenigstens ein wenig half. Er sah Jess in die Augen und sagte leise: “Du bedeutest mir sehr viel, Jess, weißt du das? Ick wäre sehr traurig, wenn du einfack so gehen wurdest… Bitte verlass mich nicht!”
Jess sah ihn an. Hatte sie sich da gerade verhört? Sie wollte eigentlich die ganze Zeit, dass er abhaute und sie nicht vollständig zu laberte, und sie fragte sich bereits, weshalb sie nicht einfach sprang! Weshalb beendete sie diese Phrase nicht einfach? Denn dass es nichts anderes war, was er hier mit ihr machte, war doch klar. Er sagte irgendwelche Standartsprüche auf, um sie von ihrem Vorhaben abzuhalten, doch bis jetzt kam er damit nicht zu ihr durch. Dennoch hielt sie etwas davon ab zu springen, während er in ihrer Nähe war.. Und jetzt sagte er ihr, dass sie ihm etwas bedeuten würde? Dass er um sie trauern würde, wenn sie tot war? Meinte er das wirklich ernst? Vermutlich war auch das nur eine Phrase; doch dann blickte Jess in sein Gesicht - und sie erkannte, dass dies nicht so war. Er meinte es ernst, denn seine Augen sagten ihr alles. Von allem anderen mal abgesehen, was er vorher gesagt hatte - sie glaubte das wenigste davon - DAS war tatsächlich ein Argument, das bei ihr ankam. Sie zweifelte langsam, ob sie es wirklich wollte. Auf der einen Seite ja, sie wollte diese Schmerzen nicht mehr haben; sowohl die körperlichen, als auch - und vor allen Dingen - die seelischen. Die sollten besonders aufhören. Und wenn sie jetzt springen würde, dann würden sie das tun - ein für alle mal!

Und doch… Da war Rea, der einfach nicht verschwinden wollte, und es schien ihm wirklich etwas an ihr zu liegen. Auch, wenn sie das nicht nachvollziehen konnte. Sie war doch ein Nichts.. Und genau mit diesem “Argument” versuchte sie, ihn erneut zum Gehen zu bewegen: “Warum gehst du nicht einfach? Ich bin ein Nichts.. Ich bin es nicht wert um mich zu trauern..” Rea schüttelte den Kopf: “Rede nicht so einen Blödsinn! Du bist etwas Wert - und dass weißt du auch! Du bist eine wundervolle Mensch, Jess und du hast deine Leben in die Hand genommen... Und das wird auch wieder geschehen. Er hat dich nicht gebrochen, Jess. Gib ihm nicht diese Genugtuung. Bitte, das ist er nicht wert! Come down there, Jess…” versuchte er es abschließend noch einmal…

Und endlich schien er damit Erfolg zu haben. Langsam drehte sich Jess mit dem ganzen Körper zu ihm, nicht nur mit dem Kopf, wie zuvor und ließ es zu, dass Rea langsam auf sie zukam. Er setzte zuerst langsam einen Fuß vor den anderen und als er merkte, dass Jess nicht negativ reagierte, wurde er schneller. Dann war er schließlich bei ihr und zog sie von der Dachkante herunter. Jess ließ es geschehen. Sie hatte alle Kraft verloren und wehrte sich nicht. Rea zog sie an sich und hielt sie in seinen Armen. “God in Heaven… Thank you…” Er schloss die Augen, denn streichelte er sanft über Jess’ Kopf und Rücken. Er merkte, wie sie zitterte und dann begann sie, bitterlich zu weinen. Rea sagte nichts, er drückte sie nur weiter an sich. “Schsch… Schon gut… Everything is alright, Kleines…” Natürlich wusste er, dass gar nichts wirklich in Ordnung war, aber es war das einzige, was ihm in der Situation einfiel.
Die Ärzte waren langsam auf sie zugekommen und hatten sich hinter ihn gestellt, doch sie griffen - noch - nicht ein. Sie standen etwas im Abseits, als Rea versuchte, Jess so gut es ihm möglich war, zu trösten und beizustehen.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte, doch schließlich wurde ihr Zittern und ihr Schluchzen weniger. Rea ließ sie langsam los und sah ihr ins Gesicht. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und wischte ihre Tränen von ihren Wangen. “Ich bin froh, dass du dich nicht dazu entschlossen hast! Bitte tu so etwas nie wieder! Es gibt Leute, die dich vermissen werden - I would miss you! - And you are a strong girl!” Jess nickte nur. Das war alles zuviel für sie. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie jetzt nicht mehr lebte… Und dann taten die Medikamente, die sie vorab bekommen hatte, ihre Wirkung. Sie wurde ohnmächtig…

Rea bekam einen Schock, als er merkte, dass sie in seinen Armen zusammen sackte. Die Ärzte, die hinter ihm gestanden hatten, übernahmen Jess und die Ärztin, mit der er hinauf gekommen war, versicherte ihm, dass dies nur die Wirkung der Medikamente war und vermutlich auch des Schocks. “Sie wird wieder - doch sie braucht Zeit… Und wir werden sie in eine andere Abteilung verlegen müssen; immerhin hat sie gerade versucht, sich das Leben zu nehmen… “ Rea schluckte. “Sie meinen, die geschlossene? Psychiatrie?” Die Ärztin nickte nur. “Sie braucht professionelle Hilfe, Mr. Garvey… Sie verstehen das doch, hoffe ich?”
Rea nickte. Ja, das verstand er. Auf der einen Seite versetzte es ihm einen Stich, doch auf der anderen wusste er, dass es noch lange Zeit brauchen würde, bis sie das Geschehene wirklich verarbeiten würde. Und sie brauchte in der Tat professionelle Hilfe. Vermutlich eine stärkere, als sie jemals hatte. “Aber ick kann sie besuchen?” fragte er hoffnungsvoll. Doch die Antwort der Ärztin schockierte ihn zuerst: “Ich denke in der nächsten Zeit sollten sie das erst einmal nicht tun. Sie braucht jetzt erst einmal vollständige Ruhe. Und ich möchte Sie bitten, dies zu akzeptieren.”

Rea nickte ergeben. Jetzt hatten sie erst einmal das Schlimmste verhindert und alles weitere würde sich danach ergeben. Er würde alles tun, um Jess’ Heilung zu beschleunigen - und wenn dies bedeuten würde, dass er sie eine Weile nicht sehen konnte, dann würde das eben auch dazu gehören. Und sobald es ihr besser ging, würde er erneut mit ihr reden. Und ihr alles sagen, was er ihr jetzt noch nicht hatte sagen können. Das nahm er sich fest vor, während Jess in ihr neues Zimmer getragen wurde und Rea das Krankenhaus verließ…

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Christal, 31
Traumland