17. Halbfinale

Dann war es schließlich soweit. Das Halbfinale stand kurz bevor und Dana und Steffi waren mehr als aufgeregt. Am Tag zuvor hatten sie ihre Generalprobe hinter sich gebracht, nachdem Rea aus dem Krankenhaus zurück gekehrt war und ihnen von seinem Besuch bei Jess erzählt hatte. Seine Antwort auf ihre Frage, ob sie ihre Freundin auch einmal besuchen könnten, war zwar mehr als unbefriedigend ausgefallen, aber da man nichts daran ändern konnte, mussten sie es eben akzeptieren. Nun warteten sie, zusammen mit den anderen, ungeduldig und zappelig vor den Toren zum Studio - es würde nicht mehr lange dauern und sie würden sich öffnen - und die große Show, das Halbfinale! würde beginnen…

Einige Stunden zuvor hatte Jess noch einmal nach dem Fernseher gefragt, da sie bis dahin noch keinen bekommen hatte und langsam nervös wurde. Hatte Jennifer ihre Meinung geändert? Doch diese wollte ihr das TV-Gerät in der Tat erst kurz vor dem Beginn der Show zur Verfügung stellen, und so wurde es dann auch kurz vor 20.15 Uhr ins Zimmer gestellt und angeschlossen. Jess hatte zwar irgendwie das Gefühl, dass Jennifer es ein wenig übertrieb; aber auf der anderen Seite konnte sie es auch nachvollziehen. Dennoch begannen auch ihr langsam die Handflächen zu schwitzen und nass zu werden - ihre Aufregung stieg. Würde sie wirklich so tough bleiben, wie sie glaubte zu sein? Sie traute sich das wirklich zu; aber was, wenn es nicht so war? Sie hatte ihre Freundinnen schon so lange nicht mehr gesehen, und die anderen ebenfalls nicht… Wer war außer Dana und Steffi noch im Rennen? Quasi aus ihrer “Konkurrenz”? Wie sah wohl das Studio aus, in dem sie nun performten? Das alles interessierte sie wirklich, und ihr Herzschlag erhöhte sich nun etwas, bedingt von der Aufregung, als endlich die ersten Töne von “The Voice of Germany” zu hören waren. Jennifer realisierte natürlich Jess’ Angespanntheit und behielt sie im Auge. Noch sagte sie nichts, denn sie konnte sich ja denken, dass es nicht spurlos an Jess vorbei gehen würde und bis zu einem gewissen Grad akzeptierte sie es auch. Doch sie musste aufpassen: Es durfte diesen Grad nicht übersteigen, denn dann würde sie eingreifen müssen…

Es war soweit. Die Jury saß bereits auf ihren Plätzen und harrte der Dinge, die da kamen. Besonders Rea war aufgeregter als normalerweise. Erstens, weil er wirklich gespannt war, wie die Show werden würde, und wer von “seinen” beiden Mädels ins Finale kommen würde. Er haderte ohnehin jetzt schon mit sich, wem er mehr Prozentpunkte geben sollte. Gut, natürlich musste er darauf achten, wer von beiden besser sang, aber wenn er von der Generalprobe ausging, waren beide eigentlich ziemlich auf gleicher Augenhöhe gewesen.
Dana mit einem wunderschönen Song von P!nk, einer Ballade, die ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken getrieben hatte, und Steffi hatte sich einen etwas tougheren Song von Christina Aquilera ausgesucht, den sie ebenfalls sehr gut hinbekommen hatte. Wenn beide es auch jetzt so gut performen würden wie gestern, dann würde er tatsächlich Schwierigkeiten mit der Entscheidung haben…

Was ihm allerdings noch durch den Kopf ging, war Jess: Er wusste, dass sie zuschaute, und es freute ihn auf der einen Seite, doch auf der anderen Seite machte er sich schon Gedanken darüber, wie sie es tatsächlich verkraften würde. Ob es tatsächlich so gut lief, wie sie es sich vorstellte? Er konnte es nur hoffen, und er musste sich jetzt zusammen reißen! Jetzt war Halbfinale - und sein Fokus musste auf Dana und Steffi liegen - nicht auf Jess! Auch, wenn es schwer fiel. Und so sah er nun zu den Treppen hin, auf denen die letzten - die besten um genau zu sein - 8 Jungs und Mädchen herunter liefen und ihren gemeinsamen Auftritt hatten. Vier von ihnen stiegen die Treppe links von ihnen herunter, die anderen vier, zu denen auch Dana und Steffi gehörten, kamen von rechts. Es war ein neu komponierter Song, der extra für die Show als Opener geschrieben wurde. Das Publikum klatschte und war begeistert und auch die Jury fiel nach einigen Sekunden ein. Die Stimmung war bereits in den ersten paar Sekunden im wahrsten Sinne des Wortes mitreißend und elektrisierend…

Jess saß aufrecht im Bett und starrte auf den Bildschirm. Auch sie war elektrisiert. Die Stimmung hatte sie ebenfalls im Griff. Sie erinnerte sich an die Gefühle, die sie während ihrer ersten Auftritte hatte - angefangen bei den Blind Auditions, als sie noch nicht einmal wusste, ob sie weiter kommen würde; dann das Battle, die Live-Show… Und jetzt sah sie das Gebäude, das beinahe den Eindruck auf sie machte, als wäre es gewachsen.. Oder war es ein anderes? Sie wusste es nicht, aber irgendwie sah es größer aus. Sie konnte Dana und Steffi sehen, die zusammen mit zwei anderen Mädchen - beide aus Team Boss-Hoss, wie Jess sich erinnerte - die eine Treppe herunter stiegen. Die anderen vier Jungs und Mädchen, aus den Teams Nena und Xavier, stiegen die andere Treppe herunter. Der Song, den sie sangen, war wunderschön und trieb ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie lächelte. Ja, sie freute sich auf die bevorstehende Sendung und auf die Songs, die ihre Freundinnen sich ausgesucht hatten. Wann sie wohl ihre Auftritte hatten? Es machte sie nur etwas traurig, dass für eine von beiden nun definitiv das Ende bevorstand. Sie waren beide so gut, eigentlich hätten es beide ins Finale verdient; aber das war ja unmöglich. Es konnte nur eine schaffen, dass wusste sie.
Jess fühlte den Blick von Jennifer auf sich, doch sie versuchte, es zu ignorieren. Noch ging es ihr gut, noch waren keine negativen Gefühle in ihr hochgekommen. Nur Aufregung, doch noch konnte sie die in Zaum halten. Und dann war der Opener zu Ende und die Acht Halbfinalisten wurden noch einmal von Thore begrüßt und vom Publikum frenetisch bejubelt, bevor die ersten beiden Talente gegeneinander antreten mussten - es waren Dana und Steffi…

Jess war beinahe ein wenig geschockt, als sie hörte, dass ihre beiden Freundinnen direkt zu Anfang ihren Auftritt hatten. Jetzt war es schon soweit? Jetzt würde sich entscheiden, wer von beiden weiter kam und für wen der Traum, “The Voice” zu werden, endgültig ausgeträumt war… Dennoch versuchte sie, sich zusammen zu reißen. Sie wollte die Auftritte sehen, auch von den anderen, ihren ehemaligen “Konkurrenten”, und sie wusste irgendwie gerade nicht wirklich, wem sie eigentlich mehr die Daumen drücken sollte: Dana oder Steffi? Sie mochte beide, und gönnte es auch beiden; doch wenn sie ehrlich war, galt ihre Verbundenheit doch vielleicht ein kleines bisschen mehr Dana… Ja, sie drückte Dana die Daumen, doch es würde sie natürlich auch freuen, wenn Steffi gewinnen sollte… Doch im Grunde war es egal, wer von beiden es schaffen würde; eines war sicher: Es traf auf jeden Fall die richtige! Und so wartete sie gespannt, bis schließlich Dana auf der Bühne stand…

Auch Reas Hände waren nass. Auch ihm tat es leid, sich jetzt entscheiden zu müssen und auch ihm wäre es lieber, wenn jemand anderes vorher dran gewesen wäre. Doch im Grunde war es egal. Auch, wenn zwei andere vor “seinen” Mädchen singen würden, und selbst, wenn Dana und Steffi als letztes auftreten würden, irgendwann war es soweit, dass war ihm schon klar. Also lehnte er sich zurück und erwartete mit Spannung zusammen mit den anderen Danas Auftritt.

Und diese war ebenfalls vollkommen aufgeregt. Schon bei der Generalprobe war sie nervös gewesen - nervöser als jemals zuvor. Es war in der Tat, wie Jess bereits bemerkt hatte, ein anderes, größeres, Studio und dort hatten noch mehr Zuschauer Platz als bei den Battles und den Live-Shows. Der Produzent der Show hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um die Show attraktiver zu gestalten. Vielleicht brauchten sie nach dem Verbrechen an Jess aber auch mehr Werbung? Sie wusste es nicht, aber im Grunde war das auch egal. Jetzt war ohnehin der falsche Zeitpunkt, um an Jess zu denken. Auch ihr waren die Gedanken vor der Sendung im Kopf herum gespukt, doch sie hatte versucht, sie zu verdrängen, denn sie musste sich jetzt auf ihren Song und ihren Auftritt konzentrieren. Dana hatte vor, nach dem Auftritt etwas zu sagen. Doch nun war es soweit: Ihr Name wurde aufgerufen und sie lief auf die Bühne zu. Dana atmete einmal kurz tief und fest ein - dann begann sie, mit ihrer etwas tieferen, aber dennoch wunderschönen Stimme melodisch den Anfang des Songs: “True love” zu singen, in einer etwas ruhigeren, aber wunderschönen eigenen Variante. Das Publikum war begeistert. Dana sah, wie Leuchtstäbchen und andere Utensilien hin und her geschwängt wurden und war selbst überwältigt. Es sah grandios aus. Dann war sie fertig. Sie hatte ihren Song wunderbar hinbekommen, kein einziger falscher Ton; es gab eine Stelle, in der sie ihre Stimme einige Sekunden lang halten musste, und vor diesen paar Sekunden hatte sie am meisten Angst gehabt, obwohl Rea sie eigentlich immer beruhigt hatte, dass sie es gut machen würde - zumal es auch bei der Generalprobe geklappt hatte. Doch dieses Mal war es sogar noch besser als in der Generalprobe und sie war erleichtert. Dana konnte nur hoffen, dass Rea und die anderen Jury-Mitglieder es genauso sehen würden, und so wartete sie auf das Urteil - und natürlich auf Reas Entscheidung und das des Publikums, die ja noch ausstehen würde; aber das würde noch dauern, denn nach ihr kam erst einmal Steffi dran…

Ja, Steffi war ebenfalls aufgeregt. Sie hätte es am Liebsten auch schon hinter sich, und wäre noch lieber vor Dana aufgetreten, doch es wurde eben so bestimmt, dass sie als zweites dran war. Und nun war es endlich soweit und sie schoss beinahe auf die Bühne und konnte es kaum erwarten, bis auch ihre ersten Töne des Songs von Christina Aguilera anfingen. Es war ein etwas härterer Song und sie sang ihn dementsprechend rau und laut - aber ihre Stimme war dennoch wunderbar im Klang. Auch sie performte genau im Takt und nach Plan und auch sie war von sich überzeugt. Bei ihr waren weniger Leuchtstäbe zu sehen, dafür klatschte das Publikum im Takt mit und die meisten - einschließlich der Jury - standen auf und neben den Stühlen. Es war ein voller Erfolg. Ein vollständig anderer Song, aber mindestens genauso wunderbar vorgetragen wie Dana, ohne einen einzigen falschen Ton oder einen Fehler. Und das erleichterte beide natürlich am meisten.
Als Steffi schließlich fertig war, kam Thore zu ihr, nachdem das Publikum auch bei ihr frenetisch gejubelt und geklatscht hatte und rief Dana zu sich - dann folgte die Entscheidung, vor der sich vor allem Rea gefürchtet hatte und sie am liebsten von sich gedrängt hätte. Doch es war nun einmal Teil des “Spiels”, wenn man es so nennen wollte, und gehörte dazu. Außerdem war jetzt erst einmal die Bewertung angesagt, und so konnte er zumindest ein kleines bisschen das Unvermeidliche heraus zögern…

Ja, auch Jess war klar, dass es nun soweit war. Nun würde es nicht mehr lange dauern, und Rea musste sich entscheiden. Er und das Publikum, das bereits dazu aufgerufen worden war, für beide Mädchen abzustimmen - per Telefon und per SMS. Jess hasste dieses Warten. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie es bei der ersten Live-Show war, als sie ebenfalls auf die Entscheidung warten musste. Von Rea hatte sie mehr Prozentpunkte bekommen und auch das Publikum hatte sie bevorzugt. Sie wurde wieder traurig, als sie daran dachte, dass sie es tatsächlich in die zweite Live-Show geschafft hatte. Sie konnte sich ja darüber streiten, ob sie es ins Halbfinale geschafft hätte, vielleicht redete sie sich das auch nur ein und sie wäre danach an ihrer Konkurrentin gescheitert.. Aber was sie definitiv wusste war, dass dieser Mistkerl sie um den Versuch gebracht hatte, um ihren Platz in der zweiten Show…
Jess wusste nicht, woher jetzt plötzlich diese Gedanken kamen und sie gefielen ihr überhaupt nicht. Sie durfte jetzt nicht schwach werden, denn sie wusste, dass Jennifer sie beobachtete. Auch, wenn diese es so unbemerkt tat, wie es ihr nur möglich war, dennoch realisierte Jess es. Sie schloss kurz die Augen, dann konzentrierte sie sich weiter auf die Sendung - in der nach dem Aufruf des Moderators, fleißig weiter für beide Talente anzurufen, natürlich die Werbung folgte…

Jennifer hatte einerseits ebenfalls die Sendung verfolgt, auch, weil sie durchaus ebenfalls interessiert daran war, welches der beiden Mädchen gewinnen würde und auch die Show an sich, nicht uninteressant fand; dennoch hielt sie natürlich und vor allem Jess im Auge. Es fiel ihr durchaus auf, dass Jess angespannter wurde, und sie machte sich schon Sorgen. Noch war es nicht so weit, dass sie das Gefühl hatte, eingreifen zu müssen, und sie konnte nur hoffen, dass dies auch so bleiben würde. Doch Jennifer wusste, dass sie mit ihr reden musste, und nun, da die Werbung anfing, wurde es Zeit, dies zu testen. Sie wandte sich an Jess und begann, sie anzusprechen: “Jess, ich würde gerne wissen, was du gerade fühlst - und die Wahrheit, bitte!” Ihre Stimme war bestimmt. Jess schluckte. Sie hatte es gewusst. Irgendwie hasste sie es, unter Dauerbeobachtung zu stehen, doch andererseits wusste sie auch, was sie Jennifer zu verdanken hatte. Sie war es ihr schuldig, ehrlich zu ihr zu sein. Also sagte sie: “Mir geht es gut, wirklich! Es ist nur, ich,.. Ich weiß nicht, wie ich meine Gefühle beschreiben soll; es ist vielleicht so etwas wie.. Wehmut?” Sie wusste im Moment wirklich nicht, mit was für einem Wort sie ihre Gefühle und Gedanken am ehesten benennen sollte; das Wort “Wehmut” gefiel ihr am besten. “Ja, Wehmut ist glaube ich das, was es beschreibt.. Ich freue mich für Dana und Steffi, wirklich, und gönne ihnen beiden, weiter zu kommen. Aber auf der anderen Seite, denke ich auch daran, dass ich dort stehen könnte… Diese wunderbare Kulisse… Es ist so schön dort und es weckt Erinnerungen.. - Schöne Erinnerungen!!” fügte sie schnell hinzu, als sie Jennifers extrem besorgtes Gesicht sah.

Ja, Jennifer war besorgt, als sie hörte, dass es in Jess Erinnerungen wach rief, doch ehrlich gesagt hatte sie auch nicht wirklich etwas anderes erwartet. Sie sah ihr ins Gesicht und ihre Erfahrung als Psychologin sagte ihr, dass diese sie nicht anlog. Ja, sie hatte schöne Erinnerungen, zumindest noch, und natürlich kamen auch wehmütige dazu, dies war ja abzusehen gewesen. Und solange sich dies nicht ins totale Gegenteil verkehrte, würde Jennifer es akzeptieren und sie weiter zusehen lassen. Zumal ihre beiden Freundinnen ohnehin schon ihren Auftritt hatten und nun die Entscheidung diesbezüglich anstand. Also konnte sie dann, wenn sie merkte, dass sich etwas änderte, getrost ausmachen, denn die anderen waren ja nicht mehr so interessant - dachte Jennifer jedenfalls…

Nach gefühlten Ewigkeiten, so war das ja meistens bei Werbung, die man gar nicht sehen wollte, ging die Show schließlich weiter. Während der ersten Live-Show, bei der Jess selber dabei gewesen war, war ihr das gar nicht so bewusst gewesen, da in dem Studio selber, die Zeit mit anderen Dingen überbrückt worden war…
Doch nun ging es ihr tierisch auf die Nerven warten zu müssen, doch ihre Unterhaltung mit Jennifer brachte zumindest ein wenig Abwechslung. Und dann war es endlich so weit. Die Entscheidung stand an. Thore und die beiden Mädchen, die es während der Zeit ebenfalls vor Aufregung kaum aushalten konnten, standen nebeneinander und hielten sich an den Händen. Noch lief die Auswertung und die Zuschauer konnten auch noch anrufen, wenn auch nicht mehr so lange. Und dann kam die Stunde der Wahrheit: Rea musste sich entscheiden. Zuerst hatten die anderen Jury-Mitglieder gesagt, was sie von der Perfomence der beiden Mädchen hielten; und diese waren rundherum positiv, sogar von Boss-Hoss. Zwar sagten diese, dass ihnen vom Song her, Christina Aguilera, sprich Steffi, eher zusagen würde, aber dass Dana den doch etwas ruhigeren Song von P!nk so wunderschön in Szene gesetzt hatte, dass sie sich wirklich nicht entscheiden konnten. Nena und Xavier sahen es genauso und so war schließlich Rea doch an der Reihe, auch, wenn er es liebend gerne weiterhin verschoben hätte. Doch Thore drängte ihn nun dazu, seine Prozentpunkte abzugeben.

Alles wartete gespannt. Rea konnte sich nicht entscheiden. Auch er sah es ähnlich, wie seine Jury-Freunde; beide Mädchen hatten einen wunderbaren Auftritt hingelegt und jede von ihnen hatte ihren eigenen Charme und ihre eigenen Glanz hinein interpretiert. Dana war ruhiger gewesen, sogar ruhiger als das Original, aber sie hatte ihm in der Tat eine Gänsehaut nach der anderen verpasst und Steffi hatte ihn zum tanzen gebracht, und nicht nur ihn! Er konnte sich nicht entscheiden - und so traf er die Entscheidung, es vollständig dem Publikum zu überlassen. “Ich kann nickts sagen…” sagte er schließlich in die Stille hinein, die sich ausgebreitet hatte: “Ihr habt es beide so good gemackt, dass ich es dem Publikum uberlassen werde; 50:50...” und stellte den Regler mit den Prozentangaben dementsprechend ein.
Thore nickte und wiederholte es, dann wurde dem Publikum draußen vor den Bildschirmen gesagt, dass die Zeit um war. Nun stand die Entscheidung tatsächlich an. Rea hatte es vollständig dem Publikum überlassen, und so drehten sich Dana und Steffi nach einigen weiteren Minuten um und haderten ihrem Schicksal. Wer von beiden kam weiter? Wen hatte das Publikum besser gefunden? Für wen war der Traum nun vorbei?

Auch Jess wartete gespannt und mit nassen Händen und starrte auf den Bildschirm. Sie fand es gut, dass Rea sich nicht entschieden hatte. Auch sie hatte beide Auftritte wunderschön gefunden, und wusste in der Tat nicht, wen sie eher den Vorzug geben würde. Sie wünschte es beiden Mädchen. Doch irgendwo, ganz tief in sich drin, fühlte sie, dass sie vielleicht doch Dana etwas mehr den Vorzug geben würde… Doch wenn es nun Steffi schaffte, würde sie sich auch für sie freuen. Eines war sicher: Eine ihrer besten Freundinnen, die sie jemals hatte, würde es ins Finale schaffen, und hatte die Chance, “The Voice of Germany” zu werden! Und das machte sie stolz. Und froh… Und in dieser Sekunde stand die Entscheidung an; Thore gab den “Befehl”; das Ergebnis wurde verkündet…

Und es war sehr, sehr knapp. Die Balken, die zuvor noch auf 50 für Dana und 50 für Steffi gestanden hatten, schossen beide nach vorne. Die Spannung stieg ins Unermessliche, denn sie fuhren soweit hoch, dass zuerst kaum ein Ergebnis zu erkennen war. Dana und Steffi hielten sich an den Händen und Dana kaute bereits and der Unterlippe. Sie hatte sich in den letzten Wochen sehr verändert. Wenn man bedachte, wie sie zu Beginn gewesen war, als Jess sie kennen gelernt hatte…
Von dem ständig redenden, kaum stillstehenden Mädchen war kaum noch etwas übrig geblieben, es war beinahe so, als wäre sie mit einem Schlag erwachsen geworden. Was nicht zuletzt auch an den Geschehnissen um und mit Jess zu tun hatte. Früher hätte sie in dieser Situation, in der sie und Steffi sich jetzt befanden, vermutlich herum gezappelt und wäre durch die Halle geflitzt, doch nun stand sie ganz still und nur durch das Nagen an ihrer Lippe war zu erkennen, wie aufgeregt sie in Wirklichkeit war. Auch Rea und die anderen konnten es kaum erwarten. ‘Irgendwann muss dieser Balken doch mal halten’, dachte Rea nur; und schließlich war es doch soweit. Die Balken hielten bei 105 Prozent für Dana und 95 für Steffi - das hieß, das Publikum hatte mit 55 zu 45 Prozent für Dana gestimmt - sie war im Finale!

Dana konnte es zuerst kaum fassen. Zuerst hörte sie nur Gejohle und Klatschen vom Publikum und spürte, wie sie von Steffi in den Arm genommen wurde. Dann kam auch Thores Stimme in ihr Ohr, der ansagte, dass sie im Finale war, und dann glaubte sie es auch. Sie hatte es geschafft! Sie war Finalistin!! Trotz allem konnte sie es kaum fassen, doch dann kam auch noch Rea, der mittlerweile von seinem Platz aufgestanden war und umarmte sie ebenfalls. “Herzlichen Gluckwunsch! Du hast es verdient, Dana! I’m proud!” sagte er und lächelte. Ja, er freute sich tatsächlich. Es tat ihm zwar auch ein wenig um Steffi leid, doch diese lächelte ebenfalls, und ging, Dana noch einmal eine Kusshand zuwerfend, zu ihrer Familie, die im Publikum auf sie wartete und von der sie freudestrahlend empfangen wurde. So war das Spiel nun mal, und sie gönnte es ihrer Freundin, dass diese nun weiterhin im Rennen war. Auch für sie war es ja noch nicht ganz vorbei; die letzten Acht Halbfinalisten wussten bereits, dass sie eine Tour zusammen machen würden, wann diese beginnen würde, war noch nicht ganz klar, aber sie würden definitiv alle zusammen auf Tour gehen und es würde bestimmt auch noch einige gemeinsame TV-Auftritte geben. Der Traum von “The Voice”  war zwar ausgeträumt, aber ganz vorbei war es noch nicht.

Dana hatte es langsam begriffen und riss die Hände nach oben, nachdem sie Reas Umarmung erwidert hatte und dieser sie nach einigen Sekunden wieder losgelassen hatte. Sie war im Finale.. So langsam setzte die Freude ein und jetzt begann sie tatsächlich, einige Male herum zu hüpfen, was ihr ein mildes Lächeln von Rea einbrachte. Er konnte ihre Freude nachempfinden. Er warf ihr ebenfalls eine Kusshand zu, dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl. Dana wollte sich ebenfalls verabschieden, als ihr etwas einfiel. Sie nahm noch einmal das Mikrofon und räusperte sich; das Publikum wurde still und Rea und die anderen, die sich etwas wunderten, warteten ab. Dana war es zuerst etwas unangenehm, aber dann sagte sie, in die Kamera gerichtet: “Keine Angst, es dauert nicht lange; ich wollte nur kurz eines sagen: Einige Worte an eine gute Freundin, die leider nicht mehr hier sein kann: Jess, ich werde dich nie vergessen und ich hoffe, dass es dir bald wieder besser geht. Glaube bitte nicht, dass wir dich vergessen hätten, dass könnten wir gar nicht! Glaub an dich und gib nicht auf. Ich hab dich lieb - wir alle haben dich lieb!” Sie wusste, dass sie nicht ewig Zeit hatte, und wollte auch nicht, dass man ihr das Mikrofon entriss.. Also gab sie es Thore zurück und ging in Richtung Publikum, das erneut angefangen hatte, zu klatschen. Doch bevor sie dort ankam, spürte sie erneut Reas Umarmung. Er war aufgestanden, nachdem er, völlig gerührt, wie alle anderen auch, ihre kleine Rede gehört hatte. “Thank you for these words”.. sagte er nur, und Dana nickte. Sie lächelte, dann rannte sie zuerst ins Publikum, ebenfalls zu ihrer Familie, die sie umarmte und beglückwünschte, und dann in die Gewinnerlounge, in der sie - vorerst - noch alleine saß. Doch dies würde sich gleich ändern, denn jetzt kamen die nächsten zwei Halbfinalisten, die gegeneinander antraten: Die zwei Mädchen aus Team Boss-Hoss…

Jess war mehr als glücklich. Sie konnte gar nicht sagen, wie gerührt sie war, dass Dana gewonnen hatte - und über ihre Worte, die erst langsam zu ihr drangen...
Auch, wenn sie es natürlich auch Steffi gegönnt hätte, trotzdem, irgendwo ganz tief in sich war Dana ihre Favoritin. Und ohne dass sie es bemerkte, lief ihr eine Träne über die Wange.
Doch leider bemerkte es Jennifer. Sie hatte Jess natürlich besonders in der jetzigen Phase besonders im Blick und konnte nicht umhin, zu bemerken, dass diese vollständig aufgelöst zu sein schien. Jennifer stellte sich die Frage, ob nun der Zeitpunkt gekommen war, den Fernseher auszustellen um Jess wieder Ruhe zu geben und ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, sie die Sendung schauen zu lassen.  Sie machte sich Vorwürfe. Jennifer ging bereits auf den Fernseher zu und suchte den Ausschaltknopf. Es war ein Fehler gewesen, und nun würde sie es ausbaden müssen. Sie ärgerte sich über sich selbst, und schaltete schließlich den Fernseher aus. Immerhin hatten Jess’ Freundinnen bereits ihren Auftritt hinter sich und nun wurde es Zeit, dass wieder Ruhe einkehrte.

Doch Jess machte ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung. Sie hatte zuerst ein wenig ihren eigenen Gedanken hinterher gehangen, doch jetzt bemerkte sie, was Jennifer getan hatte, und fuhr sie beinahe an: “Wieso.., Was machst du da?? Lass den Fernseher an, du hast mir versprochen, dass ich das sehen darf! Die Sendung hat doch gerade erst angefangen!!” Jess war richtig laut geworden, für ihre Verhältnisse beinahe aggressiv. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Jennifer, der sie jetzt eigentlich vertraute, sie so hintergehen würde… Oder hatte sie da etwas falsch verstanden?

Jennifer sah sie an. “Jess, deine Freundinnen hatten ihren Auftritt. Und du machst mir gerade den Eindruck, als wäre es dir nicht so gut bekommen. Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, dass du gerade geweint hast? Ich habe dir gesagt, was passiert, wenn ich das Gefühl habe, dass es dir Schwierigkeiten bereitet. Und das Gefühl habe ich gerade…” Jess fiel ihr ins Wort: “Das ist nicht wahr! Bitte, glaube mir, das war nicht der Grund, weshalb ich gerade eine Träne vergossen hab.. Ich habe mich für Dana gefreut! Und bin vielleicht ein wenig traurig, dass Steffi nicht weiter gekommen ist.. Aber die Freude für Dana überwiegt und ich bin gerührt… Und okay, wie ich es vorhin schon mal gesagt hatte, vielleicht auch ein bisschen traurig, weil ich nicht mehr dabei bin - aber nur ein bisschen!” fügte sie noch schnell hinzu. Und dann sagte sie noch: “Bitte.. Ich bitte dich; schalt ihn wieder an… Auch, wenn Dana und Steffi schon gesungen haben und Dana ins Finale gekommen ist, ich möchte doch auch die anderen sehen - jetzt sind die Mädchen von Boss-Hoss dran und ich mochte auch die anderen… Bitte.. Ich möchte es weiter sehen, ich schaffe das!”

Jennifer sah sie an. Sie blickte ihr genau in die Augen und konnte nur Wahrheit darin erkennen. Schließlich drehte sie sich wieder um und knipste erneut den Fernseher ein. “Also gut, auf ein neues”.. sagte sie nur, und setzte sich wieder neben sie. Erleichtert schaute Jess weiter zu. Eines der Mädchen stand bereits auf der Bühne und performte einen etwas härteren Rocksong, der zum Geschmack der Jungs passte. Jess fand ihn gut und wippte im Takt mit. Sie hatte Spaß, und daran war nichts gespielt. Langsam begriff Jennifer, dass es ein Fehler gewesen wäre, ihr das einzige Vergnügen, das sie hier hatte, wieder wegzunehmen - und sie hatte bereits für sich entschieden, dass sie den beiden Mädchen, Jess’ Freundinnen, die Erlaubnis erteilen würde, zu ihr zu kommen, wenn sie es denn wollten.
Und so verging die Zeit und die Show war großartig. Schließlich standen alle Finalistinnen und Finalisten fest und Jess war glücklich. Als die Show zu Ende war, machte Jennifer ihr wirklich den Fernseher aus, sprach noch einmal kurz abschließend mit ihr, und nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass es ihr gut ging, ließ sie sie alleine. Jess musste schlafen, doch das war gar nicht so einfach; denn in Jess waren so viele aufwühlende Gedanken, dass sie zuerst nicht einschlafen konnte. Doch dann überwog schließlich doch die Müdigkeit, und sie sank ins Land der Träume - und der Traum, der folgte war ein wunderschöner Traum, in dem sie es war, die auf der Bühne stand und zum Stolz ihres Couches - Rea - alle in den Schatten stellte…


Auch ER hatte die Show gesehen. Er hatte sich in den letzten Wochen ein Versteck gesucht, in dem es noch niemandem gelungen war, ihn zu finden. Ihm war klar, dass sie ihn suchten, und so konnte er sich nicht großartig rühren. Doch langsam “rührte” sich etwas anderes in ihm… An das kleine Flittchen, mit dem er so viel Spaß gehabt hatte, kam er nicht mehr heran, sie wurde bewacht, wie er bereits gemerkt hatte, außerdem wurde er ja wie gesagt gesucht und so musste er auch die Stadt wechseln.
Außerdem hatte sich ein etwas anderes Aussehen verpassen lassen, so dass es nicht mehr so einfach sein würde, ihn wieder zu erkennen.
Aber nun wurde es langsam Zeit, sich wieder ein neues Mädchen zu suchen, mit dem er seinen “Spaß” haben könnte. Es war definitiv zu lange her, und so ging er, nach dem Ende der Show, noch ein wenig “spazieren”. Er suchte. Um es auszusprechen: Er hielt nach jemandem Ausschau; einem Mädchen, das in sein Beuteschema passen würde - und dann sah er sie: Ein junges Mädchen, sie kam wohl gerade aus einer Bar oder war auf dem Weg dorthin, so wie sie aussah - und sie war blond! Sie hatte lange, blonde Haare, und sie erinnerte ihn von hinten genau an Jess… Er brauchte nicht lange; zuerst verfolgte er sie einige Minuten lang - dann fiel er über sie her. Sie hatte keine Chance, als er sie in eine Ecke zerrte und mit Gewalt das nahm, was er schon seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr bekommen hatte…

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Christal, 31
Traumland