1. Blind Audition

Dies ist eine (Fan)Fiktion-Story zur TV-Show "The Voice of Germany". Der Titel ist "Jess". 
Sie ist ab 18 Jahre, da sie schwierige Themen beinhalt, die triggern könnten.
Die Story ist auch unter der Seite: www.fanfiktion.de zu finden, dort unter dem Nick: MelAnnie

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Es war bald soweit. Jess stand vor ihrem “Auftritt” und war dermaßen aufgeregt; sie hatte keine Ahnung, ob es wirklich funktionieren würde. Würde sie weiter kommen? War sie wirklich so bescheuert zu glauben, dass sie es weiter als bis zu den “Blind Auditions” bringen würde? Schon alleine die Vorstellung, dass sie es überhaupt bis hierher geschafft hatte, war verrückt… Aber sie hatte es geschafft. Und das mit ihrem eigenen Song! “Schwarze Seele” hatte sie selbst komponiert. Er schien bei der Auswahljury angekommen zu sein, auch, wenn keiner ahnte, weshalb sie den Song damals geschrieben hatte…
Jess schloss die Augen. Sie durfte jetzt nicht an die Vergangenheit denken. Wenn sie das tat, war alles vorbei.
Schließlich war es soweit. Jess stand vor der Tür und sie ging auf. Sie sog noch einmal kräftig die Luft ein und mit klopfendem Herzen lief sie auf die Bühne zu…

Die Jury hatte sich nach dem vorigen Auftritt eines Mädchens, das mit Bravour “Dear Mr. President” von P!nk gesungen hatte und in Reas Team aufgenommen wurde, wieder umgedreht und harrte nun der Dinge, die da kamen. Sie erwarteten eigentlich, dass die Band anfing zu spielen, doch das tat sie nicht. Stattdessen hörten sie nach einigen Sekunden Pause eine Gitarre - ohne die Band. Zudem hatte keiner von ihnen eine Ahnung, was das für ein Song war, der da gespielt wurde..
Leicht verwirrt schauten sich die Jungs von Boss Hoss - Alec und Sascha, Xavier, Rea und Nena an und warteten auf das, was folgen würde…

Jess war mehr als aufgeregt. Sie wusste, dass das ihre einzige Chance war. Sie setzte sich auf den Stuhl und sammelte sich kurz. Jess spürte die Blicke des Publikums auf sich und sie wusste nicht, ob das Gefühl gut war oder nicht. Aber sie versuchte, alles auszuschalten. Hier ging es nur um sie und ihre Musik. IHRE Musik! Ihre eigene. Langsam begann sie, ihre eigene Melodie zu spielen - die Band schwieg, da diese gesagt bekommen hatte, dass das Mädchen einen eigenen Song spielen würde. Das war zwar ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Also hatten sie dieses Mal einfach mal Sendepause.

Dann folgte der melodische Anfang des Liedes. Es war ein klangvolles, aber auch irgendwie traurig klingendes Lied, das aber direkt bei den ersten Tönen Gänsehaut hervorrief. Jess hatte die Augen geschlossen und dann begann sie, zu singen:

“Die Geräusche sind verstummt
Tiefe Schwärze in der Nacht
Die Gefühle ausradiert
Seelenlos, ausrangiert -
Schwarze Seele, schwarze Seele

Schwarz ist die Seele in der Nacht
Macht mich krank und hält mich wach
Hoffnung trügt mich jedes Mal
Stirbt zuletzt doch unter Qual

Wo ist sie, wenn man sie braucht
Weit weit weg, unverbraucht
Ohne Hoffnung in der Not
Liegt so fern und noch so tot
Schwarze Seele, schwarze Seele

Schwarz ist die Seele in der Nacht
Macht mich krank und hält mich wach
Hoffnung trügt mich jedes Mal
Stirbt zuletzt doch unter Qual

Doch dann kommt sie mit Gefühl
Neues Leben im Gepäck
Lullt mich ein, stößt es weg
Und ich fühl mich endlich frei

Schwarz ist die Seele in der Nacht
Macht mich krank und hält mich wach
Hoffnung trügt mich jedes Mal
Stirbt zuletzt doch unter Qual

Schwarz ist die Seele in der Nacht
Macht mich krank und hält mich wach
Hoffnung trügt mich jedes Mal
Stirbt zuletzt doch unter Qual

Schwarz ist die Seele in der Nacht
Macht mich krank und hält mich wach
Hoffnung trügt mich jedes Mal
Stirbt zuletzt doch unter Qual”

(eigener Text; (c) by MelAnnie)


Die Jury hatte bereits bei den ersten Tönen der Gitarre aufgehorcht, nicht nur, weil es ein Song war, den sie nicht kannten, sondern auch, weil ihnen die Melodie quasi ins “Ohr” stach. Sie fiel auf, so dumpf und traurig, wie sie war…
Und dann fing das Mädchen an zu singen. Die Stimme war klangvoll, hell und dennoch auffallend. Rea horchte bereits auf und auch Nena und Xavier waren angespannt. Es war jedenfalls neu für sie, dass ein Mädchen, das zudem auch noch relativ jung klang, einen eigenen Song performte, den sie anscheinend selbst geschrieben und auch die Musik komponiert hatte.

Dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf den Text. Er war irgendwie dunkel, vielleicht sogar bedrohlich? “Schwarze Seele”… Irgendwie passte der Text einmalig zur Melodie - und jeder, sogar die Jungs von Boss Hoss, bekamen Gänsehaut. Rea war der erste, der nach dem ersten Refrain den Knopf drückte. Als er sich umdrehte, sah er ein ca. 16-18 jähriges Mädchen, das mit geschlossenen Augen da saß und ihren Song performte. Rea glaubte, dass sie nicht einmal mitbekam, dass er sich umgedreht hatte… Er hörte weiter zu und der Text faszinierte ihn immer mehr. Auf der einen Seite lief ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken und die Arme, doch auf der anderen Seite ahnte er, dass hinter diesem Text mehr steckte, als auf den ersten Blick erkennbar war. Doch darauf kam es jetzt nicht an, noch war er der einzige, der sich umgedreht hatte, doch das sollte nicht so bleiben..

Der zweite, der den Knopf drückte, war Xavier. Auch ihm war die gefühlvolle und gleichzeitig traurige Melodie aufgefallen und die samtene, ruhige Stimme des Mädchens. Und dann der Text… Auch er bekam Gänsehaut und kurz nach Rea haute auch er auf den Buzzer. Auch ihm fiel die Art auf, auf die das Mädchen sang, mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl. Er sah kurz zu Rea und dieser zog ebenfalls die Augenbrauen hoch. Beide dachten dasselbe: Das Lied war einmalig und wunderschön, aber es schien mehr dahinter zu stecken… Alleine das war es wert, die Kleine in ihrem Team zu haben; um gegebenenfalls etwas über sie zu erfahren…

Nach Xavier drückte auch Nena. Sie hatte sich ziemlich lange auf den Text konzentriert - die Melodie hatte sie ebenfalls direkt von Anfang an in ihren Bann gezogen, aber der Text war das, was sie eigentlich am Meisten faszinierte. Schließlich schlug auch sie auf den Knopf.

Nun waren nur noch Boss Hoss übrig. Alec und Sascha brauchten ein wenig länger, um sich zu entscheiden. Sie hatten auch eine gute Meinung von dem Song, aber sie haderten bis fast zum Schluss mit dem Text. Er war extrem ungewöhnlich.. Und sie wussten beide nicht so recht, ob er ihnen wirklich gefiel. Es stand außer Frage, dass das Mädchen eine gute Stimme hatte - eine sehr gute sogar - aber trotzdem konnten sie sich einfach noch nicht dafür entscheiden.
Doch dann erhob sich ihre Stimme; nach einer Wiederholung des Refrains, um den es sich wohl bei “Schwarz ist die Seele in der Nacht” handelte - und da hörten auch die beiden etwas raus, das einmalig war und das ihnen gefiel; auch, wenn sie immer noch nicht genau wussten, was sie von dem Text halten sollten. Doch die Stimme des Mädchens, ihre Art zu singen, ließ darauf schließen, dass da ein sehr hohes Potential in ihr steckte: Eines, das durchaus interessant wäre, aus ihr heraus zu kitzeln und sie entschieden sich ebenfalls für sie…

Schließlich hatten sich alle vier Jurymitglieder umgedreht und warteten nun, bis der Song zu Ende war. Allzu lange konnte es nicht mehr dauern, die Zeit war beinahe um. Dann war es soweit…

Nachdem Jess ihren Song zu Ende gesungen hatte, öffnete sie langsam ihre Augen. Sie hatte in der Tat überhaupt nichts mitbekommen, da sie einfach nur dagesessen, und ihren Gefühlen freien Lauf gelassen hatte. Alles, was sie sich erflehte war, bloß während des Singens nicht in Tränen auszubrechen - selbst dann nicht, wenn sich niemand umgedreht hatte. Jess rechnete beinahe damit, dass dies so sein würde. Ihr Song war sicherlich nicht medientauglich. Doch auch, wenn sie nicht wusste, ob es tatsächlich eine gute Idee gewesen war, ausgerechnet diesen Song auszuwählen, so wusste sie dennoch eines: Sie würde hier erhobenen Hauptes rausgehen auch, wenn sie niemand haben wollte..

Doch als sie nun ihre Augen wieder geöffnet hatte, glaubte sie denselben kaum zu trauen: ALLE Jury-Mitglieder hatten sich umgedreht? Zuerst glaubte sie an einen Fehler, das konnte doch nicht wahr sein! Jetzt nahm sie auch das Publikum um sich herum wahr, das klatschte und die Jury, die sie anlächelte. Jess schloss noch mal kurz die Augen. Das war wirklich wie ein Traum - ein sehr, sehr schöner, allerdings..

Dann hörte sie Reas Stimme: “Hey, alles klar?” Jess öffnete die Augen. Man, sie musste sich jetzt aber wirklich zusammen reißen. Von ihr fiel eine wahnsinnige Last ab. Sie war so unheimlich glücklich, das Gefühl konnte sie gar nicht beschreiben. Schließlich nickte sie. “Ja, sorry, ich.. mir geht´s gut.” Jess lächelte.
Die Jungs und Nena mussten schmunzeln. Das Mädchen gefiel ihnen. Xavier fragte standardmäßig: “Wie heißt du?” “Mein Name ist Jess” antwortete sie und Jess wusste immer noch nicht, wie sie sich fühlen sollte. Nena lächelte sie an und sagte: “Jessica - das ist ein schöner Name” - doch Jess schüttelte den Kopf - und verzog leicht die Mundwinkel: “Äh, nein, nur Jess…” “Oh.. Entschuldige; also Jess… Kommt das nicht von Jessica?” fragte Nena nach und sah, dass Jess erneut das Gesicht verzog. “Doch, es ist die Kurzform.. Aber ich mag den Kurznamen einfach lieber!”

Nena nickte. “In Ordnung, klar. Jess ist auch ein schöner Name. Wie alt bist du?” “17” antwortete Jess. “Gerade 17 geworden, vorigen Monat. Wow, ich kann es noch gar nicht glauben, dass ihr euch alle umgedreht habt…” Rea lächelte. “Hast du nicht dran geglaubt?” fragte er in seinem typischen “denglisch”, das ihn so sympathisch machte. Jess lächelte zurück. “Ich, ich weiß nicht.. Ich meine der Song ist nicht wirklich medientauglich; nicht mal bekannt..” Alec von Boss Hoss schaltete sich ein: “Darauf kommt es nicht an, Jess. Ich mein, okay, der Song ist nicht bekannt, das stimmt, aber er hatte was.. Wie du siehst, hat er uns alle ziemlich berührt.”

Xavier nickte. “Ja, das hat er allerdings. Wie lässt man sich so etwas einfallen? Ich meine, wie bist du auf so einen Text gekommen? Das würde mich wirklich interessieren.. - der ist doch von dir, der Song oder?” Jess nickte. “Ja, er ist selbst geschrieben…” Dann stockte sie. Vor der Frage hatte sie sich insgeheim gefürchtet. Sie hatte nicht vor, hier in aller Öffentlichkeit mit der Wahrheit heraus zu rücken; der Wahrheit, die hinter diesem Song steckte; sie wusste nicht, wie die Jury dann reagieren würde und zudem war es zu persönlich, um es vor Millionen von Leuten, die zuschauten, breit zu treten - oder zumindest vor dem Publikum hier…

Doch irgend etwas musste sie nun antworten. Sie räusperte sich und sagte: “Also.. Sagen wir es mal so; es gab mal eine Zeit, in der der Inhalt des Songs meine Gemütslage ziemlich widergespiegelt hat… Da musste ich mir einfach etwas aus dem Hut zaubern, damit es wieder besser wurde..” Dann versuchte sie, das Thema zu wechseln. “Ich muss mich jetzt entscheiden, oder?”

Die Jungs und Nena sahen sich an. Sie ahnten, dass da mehr dahinter steckte, als das Mädchen - Jess - ihnen jetzt sagen wollte. Was auch immer der Grund war, sich SO einen Text einfallen zu lassen, sie schien es nicht sagen zu wollen. Und niemand von ihnen wollte sie zwingen.

Schließlich nickte Rea. “Ja, das musst du.. Und ich würde sagen, du entscheidest dich für MICH und kommst in mein FUCKING TEAM!! Schließlich bin ich derjenige gewesen, der sich als erste umgedreht hat!” “Als ERSTER meinst du wohl!” schaltete sich Xavier ein und fuhr dann, an Jess gerichtet fort: “Das mag sein, aber ich war direkt danach dran, das war kaum zu messen - im Übrigen ist das auch gar nicht wichtig; wenn du was lernen, und, was noch wichtiger ist, dein Talent richtig nutzen willst, dann komm in MEIN Team!”
“Ach, das ist doch Quatsch, die faseln da doch nur heiße Luft. Es gibt nur EIN Team, und das ist das WINNER-TEAM!” mischten sich Alec und Sascha ein.
Und schließlich richtete noch Nena das Wort an Jess: “Hör nicht auf die. Hör nur auf dein Herz, Jess. Du hast eine wunderbare Stimme, die mich und uns alle direkt berührt hat. Und dein Talent, ist echt nicht zu unterschätzen. Wenn man sich so einen Text einfallen lassen kann - mit der dazugehörigen Melodie - die so tief greifend und wunderschön ist, dann kann ich dir nur versprechen, dass egal, für wen du dich jetzt entscheidest, wir alle alles daran setzen werden, das weiter zu fördern. Und selbstverständlich wäre ich ebenfalls froh darüber, wenn du mit deinem Talent mein Team bereichern würdest.”

Jess war einfach geplättet. Sie hätte wirklich niemals gedacht, dass ihr Song so einschlagen würde… Das war Wahnsinn.. Eigentlich hatte sie ja von Anfang an jemanden im Visier gehabt. Doch jetzt, wo sie alle haben wollten, und sozusagen um sie gebuhlt hatten, ihr Honig um den Mund geschmiert hatten, und es alle mit Freuden sehen würden, wenn sie in ihr Team käme, da zögerte sie eine Sekunde. Doch dann wusste sie es. Nein, sie hatte es direkt gewusst. Sie hatte sich entschieden.

“Ihr seid echt Wahnsinn… Wirklich… Wenn ich könnte, würde ich zu euch allen gehen, aber das geht ja leider nicht…” Sie sah, wie alle Jury-Mitglieder lächelten und die Köpfe schüttelten. Der Moderator wandte sich langsam zu ihr und sie merkte, dass ihre Redezeit langsam ablief. “Okay, ich mach’s jetzt kurz: Ich finde euch alle echt sympathisch, aber ich bin schon länger ein Fan eines Mitgliedes von euch, und ich habe mir so gewünscht, dass wenn sich einer umdreht, dass er es dann sein möge - und da er mir gerade versichert hat, dass er der erste von euch gewesen ist, der sich umgedreht hat, möchte ich gerne in sein Team - Rea..” Sie sah ihn an und Rea sprang von seinem Sessel und hüpfte in die Luft. Man hörte ein lautes “Yeah!”, dann lief er zu seinem neuen Schützling.
Die anderen waren zuerst ein wenig enttäuscht, aber so war nun mal das Spiel. Trotzdem sahen sie lächelnd zu, wie Rea bei Jess angekommen war und sie in den Arm nahm: “Herzlich Willkommen, Jess!” sagte er und Jess lächelte zurück. “Danke” flüsterte sie. Auch, wenn niemand davon eine Ahnung hatte, aber so, wie sie sich im Moment fühlte, hatte sie sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Und für einen kurzen Augenblick vergaß sie völlig, wo sie sich gerade befand.

“Hey, alles okay?” hörte sie Reas Stimme neben sich. Das holte sie wieder in die Realität zurück. Sie durfte hier nicht schwach werden. “Ja, klar, sorry.. Ich bin einfach nur nicht gewohnt im Mittelpunkt zu stehen. Tut mir leid.. Das musst du mir wohl noch beibringen”, antwortete Jess und bemühte sich, so klar zu reden, wie es ihr nur möglich war. Dennoch hörte Rea ein leichtes Zittern in ihrer Stimme.. Er nahm sich vor, sie ein wenig im Auge zu behalten. Irgendwie ahnte er, dass da mehr war, als sie hier vor ihnen zugeben wollte. Doch jetzt war es noch zu früh dafür. Ihr Auftritt war vorbei und sie war Mitglied in seinem Team. Und irgendwie fühlte er eine tiefe Verbundenheit zu diesem Mädchen, auch, wenn er nicht genau wusste, weshalb. Er mochte sie einfach.

Schließlich war Jess’ Auftritt vorbei. Sie verabschiedete sich und verließ den Saal. Rea ging zurück zu seinem Stuhl und setzte sich wieder. Die Stühle drehten sich um und die Jury wartete auf den nächsten Kandidaten - beziehungsweise die nächste Kandidatin. Würde sie oder er genau so gut sein wie Jess?…

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Christal, 31
Traumland