45. Halbfinale


Die nächsten Tage verbrachten die Talents natürlich mit Proben, und Jess hatte den Text für den ersten Song bereits am zweiten Tag vollständig auswendig gelernt. Sie brauchte den Zettel nicht mehr. Beide Songs wurden von Tag zu Tag besser, und selbst Samu kam nicht umhin, zu bemerken, dass der zweite Song, das "Kinderlied", immer besser klang. Auch, wenn er es nicht wirklich zugeben konnte, oder mochte. Es gefiel ihm immer noch nicht wirklich, zumal er der Meinung war, dass es einfach nicht in die Show passte. Dafür zumindest ihr erster Song...
Und so standen sie schließlich vor der Generalprobe, und probten alle zusammen ihre Songs. Einige der anderen Talente waren ebenfalls erstaunt, als sie hörten, was Jess sich ausgesucht hatte. Aber ihre Stimme passte zu dem Song, also hörten sie einfach nur zu. Schlecht klang es jedenfalls nicht, das mussten sie alle zugeben.
Schließlich hatten sie alle ihre Generalprobe bestanden, und Ralf kam noch einmal zu ihnen, um den genauen Ablauf der Show zu erklären, die am Abend stattfinden sollte: "also, ihr alle wisst, dass ihr zwei Songs singen werdet, die ihr euch selber ausgesucht habt. Die Songs habt ihr ja bereits zur Genüge geübt, die Generalprobe ist bestanden. Nun wird es so ablaufen, dass es zwei "Runden" geben wird: Zuerst wird jeder von euch den ersten Song singen, danach, in einer zweiten Runde, den zweiten. In welcher Reihenfolge werdet ihr mit euren Coaches abstimmen, oder habt es schon getan. Schon während der ersten Runde, ab dem ersten Song, sozusagen, kann das Publikum für euch abstimmen, eine Wahl durch eure Coaches gibt es nicht mehr. Es bestimmt nur noch das Publikum, wer ins Finale kommt. Wer die meisten Stimmen bekommt, kommt weiter. Also, ihr wisst, was das bedeutet: Strengt euch an, hier geht es um alles! Ums Einzug ins Finale - und damit die Chance, der Winner zu werden! "The Voice of Germany"!" Die wenigsten hörten noch seinem Restgefasel zu, das Wichtigste hatte er wohl erklärt.
Im Übrigen hatten sie nie etwas anderes getan, als sich angestrengt... Trotzdem wurde Jess etwas unwohl, wenn sie daran dachte, dass ab jetzt wohl nur noch das Publikum über sie entscheiden würde. Würden diese über ihre Songauswahl genauso denken wie ihre Coaches? Doch im Grunde war das jetzt auch egal, sie hatte sich dazu entschieden, und das musste sie jetzt auch durchziehen. Im Übrigen bereute sie diese auch in keinster Weise!

Dann wäre da nur noch die Frage, in welcher Reihenfolge sie nun heute Abend singen sollte. Das hatten sie noch nicht besprochen. Hatte Ralf den Plan auch ihren Coaches gerade erst erklärt? Sie hatte keine Ahnung, aber das war im Grunde auch egal. Sie musste jetzt wissen, was Sache war; also lief sie zu Samu und Rea, die bei den anderen Coaches standen: "Samu, Rea, darf ich euch gerade mal was fragen?" Die beiden lösten sich von den anderen und gingen mit ihr einige Schritte zur Seite: "Yes, what's going on?" fragte Rea. "Nichts dramatisches, ich wollte eigentlich nur wissen, womit ich nun heute Abend anfangen soll? Ihr habt mit das noch nicht mitgeteilt, Jungs..."
Die beiden sahen sich an. Im Grunde waren sie sich da selbst noch nicht einig gewesen. Aber langsam kam die "Stunde der Wahrheit" ja immer näher, dass wussten sie selbst. Beide sahen sich kurz an, dann nickten sie unmerklich, und Samu war schließlich derjenige, der für sie beide antwortete: "So, you will sing "nothing else matters" as first one! I think you get it really good now, und ich denke, dass du die Chance hast, wirklich viele Stimmen zu holen. Dann kannst du danach die zweite Song singen." Jess ahnte schon, worauf es hinaus lief. Die Jungs mochten ihre "zweite Wahl" immer noch nicht wirklich, und gaben ihr mit dem ersten Song wohl mehr Chancen, Stimmen zu holen, als mit dem zweiten. Aber das war ihr jetzt auch egal. Sie hatte ihre Informationen, und sie schluckte ihren durchaus leicht aufkommenden Ärger darüber hinunter. Jetzt durfte sie nur noch an heute Abend denken. Nur noch daran, BEIDE Auftritte so gut hinzubekommen, dass niemand mehr an ihr zweifeln sollte. Und vor allem bei ihrem zweiten Auftritt würde sie es Samu zeigen!

Der Abend kam. Es war so weit. Alle waren aufgeregt, sie konnten es gar nicht in Worte fassen. Natürlich auch Jess. Sie standen zusammen vor der Tür, in ihren Anzügen und Kostümen, und die Tür wurde geöffnet. Sie strömten alle zusammen in den Saal, und die Musik hatte bereits eingesetzt. Sie alle acht, begleitet von ihren Coaches, lieferten zuerst eine gemeinsame Performance ab - die ebenfalls in dieser Woche geprobt worden war - und dann setzten sich die Coaches auf ihre Plätze.
Der Anfang war schon gut verlaufen, das merkten sie alle, einschließlich Jess, natürlich sofort. Das Publikum hatte angefangen zu applaudieren, sie bekamen jetzt schon Pfiffe und Rufe ihres jeweiligen Favoriten entgegen geschrien. Jess hatte sich umgesehen, ob sie Dana und Steffi irgendwo sehen konnte, auf die Schnelle gelang es ihr nicht, aber sie wusste, dass sie da waren. Vielleicht bemerkte sie die beiden, wenn sie gleich auf die Bühne ging, um ihren ersten Song zu performen?
Aber dann schalt sie sich selbst: Sie hatte sich zu konzentrieren! Ihre Freunde würde sie schon noch früh genug zu Gesicht bekommen.

Nach dem Opening mussten sie alle zuerst einmal hinter die Bühne. Sie konnten die Show und die Auftritte ihrer Kontrahenten, die gleichzeitig, zumindest bei einigen, durchaus auch Freunde geworden waren, auf dem Fernseher ansehen; wie bei den zwei vorigen Shows auch.
Jess wusste, dass Marius vor ihr dran war. Sie kam direkt nach ihm. Sie alle acht würden gleich hintereinander ihren ersten Song performen - und dann kamen ja noch die Werbepausen. Es würde ein langer Abend werden, dass wusste Jess jetzt schon. Und sie wurde in der Tat immer nervöser, als sie noch im Hinterzimmer saß, und sich die Auftritte ihrer Mitstreiter, beziehungsweise Kontrahenten, ansah.
Sie trug bereits ihre Kleidung für ihren Auftritt, der in wenigen Minuten bevorstand: Es war ein Lederdress; eine Lederhose, eng anliegend, genau figurbetont; dann ein schwarzes Body, das allerdings nicht bauchfrei war, darauf hatte sie bestanden. Darauf trug sie eine, ebenfalls schwarze, Lederjacke, die mit Nieten bestickt war, und Fransen hatte. Man konnte durchaus sagen, dass sie "Hot" aussah, aber nicht zu sexy. Das wäre auch nicht sie gewesen...

Dann war es doch endlich so weit: Sie wurde aufgerufen. Langsam erhob sie sich, und atmete mehrfach tief durch. Sie hatte Lampenfieber, und was für welches. Ein wenig übel wurde ihr auch, aber sie zwang sich, sich zu beruhigen. Sie hatte bereits bei ihrem ersten "Durchgang", hier bei "The Voice", von Rea einige Atemübungen zur Beruhigung bekommen, und es half ihr tatsächlich. Die Tür wurde geöffnet, und sie lief hindurch. Die ersten Takte ihres Songs wurden bereits gespielt, es war noch ein kleines Gitarrensolo vorab, bis sie auf der Bühne stand. Natürlich wurden die Songs gekürzt, sonst wäre es für sie acht gar nicht möglich, die vorgegebene Zeit einzuhalten.
Jess musste alles um sich herum ausschalten. Sie hatte die Augen geöffnet, aber sie versuchte, sich auf sich selbst zu konzentrieren; und es gelang ihr sehr gut. Das war zumindest ihr Eindruck. Ihr Einsatz kam, und sie begann zu singen. Zuerst sehr einfühlsam und sanft, vielleicht ein wenig sanfter, als es der Sänger von Metallica tat, aber immer noch tough genug für den Song. Sie hatte mittlerweile gelernt, dass sie sich selbst treu bleiben sollte. Wirklich hard-rock war nicht ihr Ding. Aber eine harte Rockballade, die nicht so hart war wie der Rest der Songs dieser Band, vielleicht ein wenig sanfter zu gestalten, war jetzt bestimmt nicht verboten. Und dann legte sie beim Refrain eine Nummer zu. Sie wurde tougher, aber man konnte immer noch ihre Nuance daraus hören. Ja, sie merkte selbst, dass sie gut war, und ihr war im Grunde auch egal, was die Jury über sie dachte. Selbst die Meinung des Publikums war ihr, in diesem Moment jedenfalls, egal.
Der Song neigte sich dem Ende zu; Jess war immer selbstsicherer geworden, und hatte tatsächlich, zum Ende hin, eine Note erreicht, die man noch nie an ihr gehört hatte: Sie wurde wirklich beinahe hard-Rock, obwohl sie das so gar nicht geplant hatte, es kam einfach. Bei den letzten Klängen, schmetterte sie der Jury und dem Publikum das "Nothing else matters..." nur so entgegen! Man glaubte es beinahe heraus zu hören: "Nichts anderes zählt..." War nur die Frage: Nichts anderes als was?

Dann war der Song zu Ende. Das Publikum applaudierte, Jess wurden Pfiffe und Bravo Rufe entgegen geschleudert, und sie kam jetzt erst wieder auf dem Boden der Tatsachen an. Sie wusste, dass der erste Teil hier vorüber war, und sie war erleichtert darüber. Sie selbst war mit ihrer Leistung zufrieden gewesen, doch jetzt kam schon die Anspannung, ob die Jury das genauso gesehen hatte? Im Grunde war das ja eigentlich egal, es zählte nur noch, was das Publikum dachte, die für sie anrufen konnten, aber würde überhaupt jemand für sie anrufen? Vor allem, was dachten die Metallica Fans? Jetzt konnte sie es nicht mehr steuern, ihr blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Zumal nun erst einmal ihre Coaches dran waren...

Thore kam schon auf sie zu, und stellte sich neben sie: "Nun, wie fandet ihr den Auftritt? Nena, fangen wir mal mit dir an: Was sagst du?"
Nena blickte sie an und lächelte: "nun, ich muss sagen, ich bin ziemlich erstaunt, das war wirklich gut! Hätte ich gar nicht von dir gedacht, dass du so rein haust. Allerdings, nach der letzten Überraschung, die du geleistet hast, bei der zweiten Live-Show, hätte ich es mir ja beinahe denken können", sie lachte. "Du warst wirklich gut, Jess", schloss sie ihre kleine, und mal wieder recht verhaltene, Rede. Aber Jess war von Nena auch nichts anderes gewohnt. Dann folgten Boss-Hoss. Auch die beiden bescheinigten Jess, dass sie wirklich sehr gut gewesen war, und viel dazugelernt hatte. Sie war wirklich tough gewesen, und es passte zu dem Song. Beide zeigten den Daumen nach oben. Jess lächelte. Von den Cowboys mal etwas wirklich positives zu hören, freute sie, zumal sie sich denken konnte, dass es spätestens bei ihrer nächsten Performance anders sein könnte. Danach folgte Xavier, der im Grunde auch nicht viel anders sprach, auch er fand Jess spitze; und schließlich, und endlich, folgten die beiden Coaches, auf die es Jess tatsächlich ankam.
Sie sah Rea, der bereits lächelte, und sie konnte an seinem Gesicht ablesen, dass es ihm auf jeden Fall gefallen hatte. Was Samu dachte, konnte sie zuerst nicht so wirklich abschätzen, allerdings war er derjenige gewesen, der ihr vorgeschrieben hatte, den Song zuerst zu singen. Aber ob er ihm tatsächlich überhaupt gefallen hatte, wusste Jess nicht so wirklich.
Doch ihre Besorgnis war unbegründet, sie sah, wie auch ihr zweiter Coach schließlich von einem Ohr zum anderen grinste: "Wow, this was cool Shit, Jess! Really great! Better than I thought from you! Hast du good gemacht! An einige Stellen warst du richtig hard core! I love it!" Und auch er zeigte den Daumen nach oben. "Also, für wen rufen wir an?" fragte Thore noch einmal, in Richtung der beiden Team-Coaches, und Samu und Rea riefen, wie aus der Pistole geschossen: "For Jess!" Natürlich war das einstudiert, das wusste Jess auch, aber es freute sie, denn sie glaubte es den beiden sogar. Dann wurde noch einmal auch ihre Nummer eingeblendet, und Thore wiederholte sie noch einmal, dann konnte Jess auch wieder zurück ins Hinterzimmer. Der nächste Kandidat musste auf die Bühne.

Und so wurde schließlich die erste Runde abgeschlossen, sie hatten alle ihren ersten Auftritt hinter sich gebracht, und saßen nun im Zimmer, beziehungsweise zogen sich für ihren nächsten Auftritt um. Zwischendrin kamen natürlich Werbepausen. Dann war es so weit, und die zweite Runde stand bevor.
Wieder kamen einige andere vor Jess, und diese hatte noch ein paar Minuten Zeit gehabt, sich tatsächlich auszuruhen und etwas zu entspannen, doch nun musste auch sie sich umziehen. Dann war es auch für sie wieder so weit. Sie stand erneut vor der Tür, und in wenigen Minuten würde diese sich erneut für ihren zweiten Auftritt öffnen.
Sie war das genaue Gegenteil von vorhin: Jetzt war sie vollkommen in Weiß gekleidet; eine weiße, offen fallende Hose, ein weißes T-Shirt, mit einem leicht bunten Stern in der Mitte. Es war der einzige "Farbklecks", der an ihr war. Sie hatte noch eine leichte, ebenfalls weiße, Weste übergestreift. Das einzige, was fehlte, wäre ein Horn auf ihrer Stirn gewesen, dann hätte man sie tatsächlich für ein "Einhorn" halten können. Aber das wollten selbstverständlich weder sie, noch die anderen, die für ihre Kostüme zuständig waren.

Schließlich öffnete sich die Tür, und Jess trat erneut in den Saal ein. Dieses Mal war es leise, die Musik würde erst einsetzen, wenn sie auf der Bühne stand. Sie spürte schon, dass sie angestarrt wurde, vermutlich waren einige sehr irritiert, ob ihres merkwürdigen Aussehens, doch das musste sie jetzt ignorieren. Sie konzentrierte sich nur auf das, was vor ihr lag. Die Augen musste sie offen halten, auch, wenn sie diese am liebsten geschlossen hätte. Aber jetzt schaltete sie alles ab, die Jury, das Publikum, die Bühne, einfach alles, und wartete nur auf das Zeichen. Und das kam in Form eines Schreis. Der Schrei eines Adlers. Und dann setzte die Musik ein. Jess wusste, dass hinter ihr zeitgleich der - tonlose - Mitschnitt des Videos lief. Der Adler, der über dem Wald kreiste... Und Jess begann, langsam und leise, aber zeitgleich sanft wie der Wind, zu singen: "When the last eagle flies..."
Das Publikum war still geworden. Alles um sie herum. Jess wusste nicht, ob das ein gutes, oder ein schlechtes Zeichen war, aber darüber durfte sie sich jetzt keine Gedanken machen; sie wurde hinfort getragen von dem Song, der ihr wirklich viel bedeutete. Sie stand zwar mit dem Rücken zur Leinwand, aber sie "sah" trotzdem das Video vor sich, in dem, in Kurzform, der Spielfilm gezeigt wurde, und sie wurde langsam auch hier immer leidenschaftlicher. Als sie schließlich am Refrain ankam, konnte man die Leidenschaft in ihr regelrecht spüren... "...I'm the last unicorn..." Und dann legte sie richtig los, als sie an eine bestimmte Stelle kam, als sie mit Inbrunst in ihrer Stimme sang: "I'm alive... I'm ALIIIIVE..." Man glaubte es ihr regelrecht. Dazu die Donnerschläge, die eins zu eins von der Band aus dem Video übernommen worden waren. Ja, Jess sang den Song nicht nur, sie fühlte ihn auch.

Und auch die Jury merkte es. Völlig fassungslos starrten sie auf Jess und vor allem Rea und Samu wussten nicht, was sie denken und sagen sollten. Beide hatten keine guten Gedanken bezüglich dieser Wahl gehabt, sie waren beinahe unglücklich darüber gewesen, was Samu wohl eher zum Ausdruck gebracht hatte, als Rea - aber auch ihm war es ähnlich ergangen. Aber was sie jetzt und hier sehen, und vor allem hören, konnten, war so einzigartig, dass sie es kaum fassen konnten. Ihnen lief Gänsehaut über den Rücken, und sie brauchten den anderen nicht zu fragen, was er dachte, beide konnten es dem Partner ansehen.

Dann war Jess fertig. Sie kam jetzt erst wieder auf dem Boden an, und merkte, wo sie war. Bis jetzt hatte sie alles um sich herum ausgeschaltet - doch jetzt hörte sie die Rufe und den Applaus des Publikums. Sie registrierte auch, dass so gut wie alle im Publikum aufgestanden waren - sie bekam Standing Ovations! War das ernst gemeint? Sie konnte es kaum fassen. Das Publikum war kaum zu beruhigen. Wenn das ein Scherz sein sollte, dann war der aber gut eingeübt... Davon ab war heute nicht der erste April. Also schien ihre Darbietung zumindest beim Publikum wohl gut angekommen zu sein... Jess lächelte.
Dann kam Thore zu ihr und nahm sie an die Seite. "Wow, das war aber Hardcore! Wirklich Hammerauftritt, Jess! Das Publikum rastet ihr gerade aus, hörst du das?" 'Was für eine blöde Frage', dachte Jess, natürlich hörte sie es. Nur glauben konnte sie es immer noch nicht wirklich. Aber jetzt waren ja die Coaches dran. Und vor allem vor "ihren Jungs" hatte sie doch ein wenig Angst. Sie wusste ja, was diese von ihrer Wahl gehalten hatten. Trotzdem hatte sie noch genug Anstand, einfach nur mit dem Kopf zu nicken, als Antwort auf Thores Frage.
Dann kamen die Jury Mitglieder dran, und als erstes blickten sie wieder zu Nena herüber, die erneut als erstes ihre Meinung kundtun sollte - Jess erwartete eigentlich nichts wirklich neues von ihr, aber Moment, sah sie da etwa Tränen in ihren Augen? Das musste ein Irrtum sein. Eine Halluzination... Aber sie hatte nichts genommen, nicht mal ein kleines Beruhigungsmittel, das so etwas erklären könnte. Nein, das war keine Einbildung, da waren tatsächlich Perlen in ihrem Auge, die Nena jetzt auch weg wischte, dann sagte sie: "Wow... Meine Güte, Jess. Du hast mich wirklich gekascht hier und jetzt. Deine vorige Performance war spitze. Aber da hab ich irgendwie das Gefühl gehabt, dass du dich, wie soll ich sagen, "verstellt" hast, ohne jetzt etwas böses sagen zu wollen. Du warst wie gesagt wirklich gut, aber irgendwie nicht wirklich du... Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Was ich eigentlich sagen will ist, dass DAS HIER, das, was du gerade abgeliefert hast, du selber warst! Ich habe dir jedes einzelne Wort geglaubt. Auch, wenn ich weiß, dass das ein Kinderfilm ist, und der daraus stammende Titelsong, aber das ist vollkommen egal. Das Lied ist wunderschön. Und was du daraus gemacht hast, ist noch um ein tausendfaches schöner. Ich danke dir, für deine wunderschöne Performance, Jess!" Und sie musste sich erneut eine kleine Träne aus dem Auge trocknen.

Jess war geplättet. So etwas hatte sie ja noch nie von Nena zu hören bekommen. Sie konnte sich nur artig bedanken, mehr Worte bekam sie jetzt und hier gerade nicht heraus, dann war Xavier dran, der ihr, im Grunde dasselbe bescheinigte, nur mit anderen, und nicht ganz so rührseligen Worten. Aber es hatte ihm auch gefallen. Die "Cowboys" waren als nächstes dran, und Jess stellte sich schon mal auf eine nicht ganz so großartige Bewertung ein, doch da sollte sie sich irren. Als erstes war Sascha dran: "Wow, du meine Güte, Mädel... Also ich muss ehrlich sagen, ich bin von Mal zu Mal überraschter von dir... Im positiven Sinne. Als du den Metallica Song gebracht hast, hab ich auch gedacht, wow, das Mädel ist cool, es hat mir gefallen, du hast ihn wirklich gut rüber gebracht, da gab es nichts zu meckern. Aber Nena hat schon recht: Man merkte, dass es irgendwie nicht du warst - auch nicht böse gemeint. Aber hier und jetzt, diese Performance, das war das beste, was du überhaupt jemals gebracht hast! Wenn du ins Finale kommen solltest, was wir noch sehen werden, aber wenn, dann weiß ich echt nicht, wie du das noch steigern willst - Hut ab!" Und er lüftete tatsächlich seinen Cowboy Hut. Alec tat es ihm gleich, und wiederholte im Grunde fast die selben Worte.

Jess war geplättet. Sie wusste wirklich nicht, was sie davon halten sollte, und vor allem kam jetzt die Wertung, vor der sie sich am meisten fürchtete: Ihre Jungs. Natürlich war es im Grunde egal, was sie sagten, sie entschieden es nicht mehr; aber irgendwie wollte sie natürlich schon, dass es nichts schlechtes war, was die beiden ihr nun zu sagen hatten.
Doch ihre Befürchtungen schienen unbegründet zu sein. Sie sah bereits, wie sich auf Reas Gesicht ein breites Grinsen ausbreitete, und auch Samu lächelte bereits, von einem Ohr zum anderen. Das hatte sie, in dieser Form, schon lange nicht mehr an ihren beiden Coaches gesehen. Selbst in der zweiten Show war das Lächeln von beiden nicht SO breit gewesen. Als erstes legte Rea los: "Wow, Jess... I don't know what to say, really..." Dann besann er sich und fuhr auf Deutsch fort: "Du weißt, wir were nicht besonders grün, was die Songauswahl angeht... Besonders bei die zweite Song...", mehr wollte und brauchte er auch nicht zu sagen. "Aber diese Performance, here and now, war mehr, als wir beide, Samu and I, uns je zu träumen gewagt hatten. Du warst schon in die Proben gut, das haben wir schon bemerkt. Aber wir wussten beide nicht, ob das reichen wird for today. But it was more than we thought! Das war Mega! Du hast diese Song gelebt, Jess. Das haben wir alle gemerkt. Wir hatten Gänse-, beziehungsweise Hühnerhaut!" Alle sahen Samu an, und mussten lachen. Auch dieser selbst, dann fuhr Rea fort: "Ja, das hatten wir. Mit was for eine Gefuhl du diese Song gesungen hast... Das war better than in alle Proben before! Und dann diese Stelle - "I'm alive" - I believe you also this, Jess!" Und er lächelte erneut. Jess konnte auch hier erst einmal nichts erwidern, sie schaute auch zu Samu herüber, der bis jetzt nichts gesagt hatte. Aber er lächelte immer noch, und in seinen Augen war ebenfalls Wärme zu lesen. Dann sprach auch er, und sagte: "I have nothing else to say, Jess - Totally agree with Rea. Just one thing: Thank you Jess for giving me a lesson!" Er nickte ihr zu.

Jess war beinahe schwindelig von den Worten der Beiden. Ihre wohl größten Kritiker, bei denen sie bis gerade noch befürchtet hatte, dass diese ihr jetzt und hier den Kopf abreißen würden, hatten ihr die größten Komplimente von allen gemacht!
Sie war einfach nur glücklich. "Danke", sagte sie nur, mehr konnte sie auch hier nicht sagen, dann war Thore auch schon wieder dran, der das Publikum erneut ermahnte, für sie zu stimmen. Es ging dem Ende entgegen. Sie hatten jetzt wieder Werbepause, und nach ihr kamen noch die anderen Talente dran, danach war die Show schon fast zu Ende.
Sie hatten auch zum Schluss der Show noch einen gemeinsamen Auftritt, bevor sie wussten, wer weiter kommen würde, und wer nicht. Es dauerte nicht mehr lange, dann war es auch schon so weit, und Jess hatte wieder andere Kleidung an, dieses Mal waren sie alle gleich angezogen, es war ein schwarzer Overall, figurbetont für die Mädchen, und als Hose und Jackett für die Jungs, mit ein paar Gold und Silber funkelnden Steinen verziert. Es sah wirklich sehr edel aus.
Die Show war nun so gut wie vorbei. Auch dieser Auftritt lag hinter ihnen, und nun mussten sie, alle zusammen dem harren, was auf sie zukam. Das Ergebnis. Die letzten vier wurden "erwählt", die ins Finale kamen, und die anderen vier mussten gehen. Es tat Jess schon weh, denn sie wusste, dass entweder hier und jetzt entweder für sie, oder für Marius, der Traum vom "großen Sieg" zerplatzen würde. Wäre das so schlimm? Noch vor einigen Monaten, vielleicht sogar noch vor einigen Wochen, hätte sie diese Frage mit "Nein" beantwortet, aber jetzt wollte sie weiter kommen! Sie wollte ins Finale, und eventuelle sogar gewinnen! 'Nun ja, erst mal einen Schritt nach dem anderen!' ermahnte sie sich selbst. Hier und jetzt ging es ums Finale! Aber das wollte sie einfach schaffen! Doch es lag nicht mehr in ihrer Hand. Sie hatte ihr bestes gegeben, und es schien ihr auch ganz gut geglückt zu sein.

Thore kam mit dem Umschlag auf die Bühne. Die Ergebnisse standen fest. Sie alle standen nebeneinander und warteten darauf, dass sie aufgerufen wurden. Das Prozedere lief so ab, dass die Coaches nacheinander auf die Bühne gerufen wurden, und mit ihnen die beiden Talente. Als erstes kam Xavier dran. Den dreien war die Nervosität anzusehen. Auch Jess wurde immer nervöser. Neben ihr stand Marius. Er lächelte sie an, dann flüsterte er ihr ins Ohr: "Hey Jess, egal wie das hier gleich ausgeht: ich wollte dir nur sagen, dass du hammermäßig warst, vor allem dein zweiter Auftritt, der war Wahnsinn!" Jess blickte ihn an, und versuchte herauszufinden, ob er sie irgendwie veralbern wollte, aber dies schien nicht der Fall zu sein. Es wirkte so, als meinte er es ernst. Sie lächelte. "Danke, du warst auch wirklich gut. Wer auch immer gewinnt, er hat es verdient!" Auch Marius lächelte sie an, dann legte sich die Spannung wieder über die beiden. Die Nervosität stieg an. Xaviers Talents standen vor der Entscheidung. Natürlich machte es Thore wieder "unglaublich" - und vor allem nervenaufreibend - "spannend", mit seinem Gelaber.
Irgendwann war es dann aber doch endlich so weit. Die Entscheidung fiel, und unter jubelndem Applaus wurde der "Sieger", wenn man es so nennen konnte, gefeiert, und der andere verabschiedet. Auch Xavier konnte man ansehen, dass er traurig war, ein gutes Talent zu verlieren. Ob er mit der Entscheidung des Publikums einverstanden gewesen war, wusste niemand, er ließ es sich nicht anmerken. Dann verließ der "Verlierer" schließlich die Bühne und ging zu seiner Familie und seinen Freunden.

Jess wurde immer nervöser. Nach Xavier wurden Boss-Hoss aufgerufen. Wann kamen denn endlich sie dran? Doch noch war es nicht so weit. Es dauerte natürlich auch hier seine Zeit, bis die Entscheidung verkündet wurde, und auch die Cowboys feierten schließlich ihren Sieger und verabschiedeten mit einem herzlichen Abklatscher den anderen. Es war eben bei den beiden ein wenig anders. Sie wussten, dass es "nur ein Game" war.
Nach ihnen kam Nena mit ihren Talents dran. 'Im Ernst', dachte Jess, 'wir sind die letzten?' Irgendwie wurmte sie das. Auch Marius wurde langsam immer nervöse, sie konnte es ihm anmerken. Es wurde langsam Zeit!
Und endlich, nach gefühlten Stunden - natürlich wusste sie, dass es keine Stunden gewesen waren, aber es kam ihr so vor - waren sie endlich an der Reihe.

Thore rief Samu und Rea auf, und diese nickten ihr und Marius zu, so, dass sie sich alle zusammen neben Thore stellten: "So, und nun das letzte Ergebnis; die gezählten Stimmen für euch beide, Jess und Marius, zeigen auf, dass..." Er laberte wieder seinen gewohnten Stuss, den keiner hören wollte, und langsam merkte auch Rea, dass vor allem Jess immer nervöser wurde, bis jetzt war sie gut mit dem Abend zurecht gekommen. Aber jetzt schienen ihr die Knie weich zu werden. "Hey, alles good?" fragte er, auch Samu schaute einmal kurz zu ihr herüber. "Yes, schon gut... Hoffentlich kommt der Laberhannes mal zum Punkt!" flüsterte sie zurück, leise genug, dass es nur Rea hören konnte, hoffte sie jedenfalls. Dieser lächelte. "Du kennst ihn doch..." sagte er nur, doch auch ihm wurde es langsam zu viel. Abgesehen davon lief ihnen langsam die Sendezeit davon.
Schließlich hatte Thore ein Einsehen: "Und derjenige, der dieses Jahr als viertes in das Finale von "The Voice of Germany" einzieht ist..." Wieder die theatralische Pause - allerdings befürchtete Jess schon das Schlimmste, denn sie hatte "derjenige" verstanden. Es war garantiert Marius... Doch dann hörte sie ihren Namen: "JESS MEURER!!" brüllte Thore, und sowohl Rea als auch Samu neben ihr brüllten ebenfalls und umarmten sie. Sie fühlte sich beinahe ein wenig erdrückt.

Die beiden ließen sie los und hoben ihre Arme hoch: "Du bist in die Finale, Jess!" strahlte Rea, und auch Samu grinste bis über beide Ohren, noch stärker als nach ihrem zweiten Song. "You are in, Girl! Congratulations!" wiederholte auch er, weil er wohl gesehen hatte, dass Jess es noch gar nicht wirklich begriffen hatte. Auch von Marius wurde sie kurz, aber herzlich, umarmt, und dieser sagte ebenfalls: "Ja, herzlichen Glückwunsch! Ich drücke dir die Daumen!" und damit verschwand er zu seinem Platz im Publikum, nachdem auch er sich von seinen - nun ehemaligen - Coaches verabschiedet hatte.
Ja, Jess hatte es zuerst wirklich nicht verstanden, doch langsam kam es auch bei ihr an. Sie hatte es geschafft, sie war im Finale! Natürlich war sie noch nicht "The Voice", vielleicht würde sie es auch niemals sein. Aber sie war unter den letzten Vier! Von so vielen viel versprechenden Talenten. Ihr kamen die Tränen. "Danke", sagte sie, an Samu und Rea gewandt, die sie erstaunt anschauten. "Why? You have made it, not we! DU hast dich die Songs ausgesucht, DU hast here abgeliefert, und DU hast die Publikum erreicht und uberzeugt! Die einzige, bei die du dich bedanken musst, bist du selbst!" antwortete Rea, und dann gingen sie alle zusammen wieder zurück. Die Show war so gut wie zu Ende, es gab noch ein abschließendes Wort von Thore, das aber mehr den Zuschauern zu Hause und dem Publikum gewidmet war, dann war es wirklich vorbei. Die verbliebenen Talents und ihre Coaches fuhren wieder zurück, der Weg war ja nicht allzu weit; und zuerst kamen die anderen, nun ehemaligen Talents, unter ihnen Marius, mit ihnen, um am nächsten Tag nach Hause zu fahren. So spielte das Leben, und Jess war glücklich, noch dabei sein zu dürfen. Ja, sie war glücklich. Und sie machte sich - erst einmal - keine Gedanken, was nun in der nächsten Woche auf sie zukommen würde. Auf dem Weg ins Finale. Das würde noch früh genug kommen. Jetzt brauchte sie erst einmal Schlaf, und Morgen war Sonntag, da hatten sie frei.

Kurz bevor sie schlafen gehen wollte, klingelte ihr Handy, und sie blickte kurz darauf. Dana! Sie ging natürlich sofort ran. Die beiden hatte sie heute Abend leider nicht mehr gesehen, dabei war sie sich doch sicher gewesen, dass sie da gewesen waren, oder?
"Jess, sorry, wir konnten dich heute nicht mehr erreichen. Wir haben deine Hammer Performance gesehen, Steffi und ich! Man, du warst sooo gut. Ich habe mindestens tausend Mal für dich angerufen!" brabbelte ihre Freundin direkt drauf los, und Jess musste lachen: "Ach dir habe ich das zu verdanken, dass ich im Finale bin", Dana prustete drauf los: "klar, wem den sonst.. Nein, ehrlich jetzt, du warst echt so genial. Wir wussten ja, dass du gut bist, aber DAS? Wahnsinn..." Jetzt schaltete sich auch mal Steffi ein: "ich will auch mal! Hey Jess, du warst echt geil! Beide Songs waren super, aber der Zweite.. So was tolles habe ich noch nie bei dir gehört. Keine Ahnung, wie du das im Finale toppen willst, aber du lässt dir da bestimmt was einfallen... Ich bin gespannt. Wir haben uns leider nicht gesehen, Dana und ich saßen leider etwas weiter hinten. Aber wir haben jetzt schon Karten fürs Finale gekauft - und da sitzen wir ganz vorne! Da sehen wir uns garantiert! Ich bin so stolz auf dich, Süße!" Jess lächelte milde. Sie war müde, und das sagte sie ihren Freundinnen dann auch. "Klar, tut mir leid, sicher. Der Abend war anstrengend für dich, verstehe ich - also, wir telefonieren Morgen noch mal, okay? Da hast du doch sicherlich frei?" Jess bejahte es, sie wusste jedenfalls nichts anderes, und der Sonntag nach den Shows war bis jetzt immer frei gewesen, dann legte sie auf. Jetzt und hier hatte sie genug. Sie musste schlafen. Und das gelang ihr auch relativ schnell. Nachdem sie sich bettfertig gemacht hatte, glitt sie in einen tiefen und traumlosen Schlaf...

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Christal, 31
Traumland