20. Besuch der Freundinnen

Es war schon ein wenig aufregend, wie würde Jess wohl reagieren? Sowohl Dana als auch Steffi saßen tatsächlich wie auf heißen Kohlen, als Rea mit den beiden auf dem Weg zum Krankenhaus war. Rea selbst erging es ähnlich. Er versuchte, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen, damit die Mädchen sich etwas beruhigten, doch es funktionierte nicht wirklich.

Endlich waren sie am Krankenhaus angekommen. Rea parkte den Wagen und die Mädchen sprangen geradewegs aus ihm heraus. Rea blickte zu ihnen herüber und sagte: “Wait… Wir gehen alle zusammen, okay?” Dana und Steffi nickten, aber man konnte ihnen ansehen, wie ungeduldig sie waren; besonders Dana wippte mit den Beinen, solange, bis Rea seinen Wagen abgeschlossen hatte. Dann war es soweit und sie liefen direkt in die psychologische Abteilung.
Sowohl Dana als auch Steffi wurde etwas mulmig zumute, als sie die stillen Gänge sahen, durch die sie liefen. Nichts in dieser Abteilung erinnerte die beiden wirklich an ein normales Krankenhaus. “Die arme Jess…” murmelte Dana, und Steffi nickte nur. Rea sah die beiden Mädchen an und dann hielt er vor einer geschlossenen Tür an. Dana fragte ihn: “Ist das Jess’ Zimmer?” Rea nickte. Sie und Steffi wollten schon die Türklinke herunter drücken, als er sie kurz noch einmal aufhielt und sagte: “Wait! Ick werde zuerst hinein gehen. Und ein paar Words mit ihr sprecken… Erstens, um zu sehen, wie es ihr geht und dann um sie darauf vorzubereiten, dass eine Uberraschung fur sie wartet…” Die Mädchen schauten etwas enttäuscht. Sie wollten nicht mehr warten, auch für sie war die Zeit endlos gewesen, in der sie ihre beste Freundin nicht mehr hatten sehen können. Rea blickte sie erneut an und sagte: “Es dauert nickt lange, ich verspreche es! Außerdem möckte ich euch um eines bitten: Die Psychologin sagte zwar, dass es Jess jetzt besser geht, aber sie ist noch nicht wirklich einhundertprozent gesund. Also möchte ich, dass ihr euch zuruck haltet.” Er blickte vor allem Dana in die Augen: “Nicht allzu wild, uberanstrengt sie nicht! Ich denke, es wird eine schöne Tag, auch für sie; aber sie soll trotzdem geschont werden; versteht ihr, was ich meine?” Er merkte schon, dass sein Deutsch nicht wirklich perfekt war, doch die Mädchen nickten. Sie hatten ihn schon verstanden. “Klar Rea; auch wir wollen, dass es ihr besser geht. Wir werden nichts tun, was sie wieder zurück wirft, oder sie sonst wie gefährdet. Aber bitte, sag ihr endlich bescheid - also das mit der Überraschung, meine ich… Wir sitzen wie auf heißen Kohlen. Und wir haben so eine Sehnsucht nach Jess…” fügte Dana noch hinzu. Steffi nickte.

Rea hatte ein Einsehen und drückte schließlich - endlich - die Klinke, die er bereits einige Sekunden in der Hand gehalten hatte, nach unten. Ihm wurde kurz flau im Magen, als er sich an den Augenblick erinnerte, als das Zimmer leer gewesen war, und Jess kurze Zeit später versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Danach hatte er sie schwer traumatisiert erlebt, kaum dazu in der Lage, mit ihm zu sprechen… Und vor nicht allzu langer Zeit hatte sie zwar wieder mit ihm gesprochen, aber wirklich glücklich war sie nicht gewesen, zumal er leider, besonders in der letzten Woche, nicht mehr so viel Zeit für sie gehabt hatte. Immerhin stand zuerst das Halbfinale an und ab morgen mussten sie sich wieder ums Finale kümmern.. Doch das war jetzt Nebensache. Er hoffte, dass Jess’ Zustand heute besser war und dass sie bereit dazu sein würde, den Besuch ihrer besten Freundinnen zu verarbeiten. Eigentlich müsste es ihr helfen, Rea wusste ja, dass sie sich das so sehr wünschte…

Jess lag in ihrem Bett und Rea wusste zuerst nicht, ob sie schlief oder nur so an die Wand starrte. Zuerst rührte sie sich auch nicht, und schaute nicht zu ihm, und in Rea machte sich erneut Sorge breit. Er trat auf ihr Bett zu und rief leise ihren Namen. Wenn sie schlief wollte er sie nicht stören und dann würde er wieder hinaus gehen und mit den Mädchen etwas später wieder kommen. Doch er ahnte, dass diese darüber sehr enttäuscht sein würden.. Doch Rea brauchte nicht wieder zu gehen. Jess hatte in der Tat etwas gedankenverloren an die Wand gestarrt. Sie wusste nicht, wohin mit ihren Gedanken oder was sie mit dem Tag anfangen sollte und sie war immer noch mehr als enttäuscht über die Antwort ihrer Psychologin, die ihre Freundinnen immer noch nicht zu ihr lassen wollte. Es “versprach” wohl, ein langweiliger Tag zu werden…

Dann hörte sie eine Stimme und zuerst dachte sie, sie hätte sich verhört. Trotzdem schaute sie zur Tür - und erkannte tatsächlich Rea, der dort stand und sie ansah. “Everything okay, Kleines?” fragte er auch schon, und setzte sich auf einen Stuhl, neben ihr Bett. Jess nickte langsam. “Rea - ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr… Schön, dass du da bist”, sagte sie und lächelte. Es war ein echtes Lächeln, und Rea freute sich darüber. Er lächelte zurück. Seine Augen strahlten. “Yes, das freut mich auch… Ich hatte die letzten Tag nicht so viel Zeit, wegen “The Voice”… Aber heute is frei, da habe ich mir fur dich die Tag reserved…” Jess setzte sich etwas höher und antwortete: “Das ist schön.. Ich freu mich so, dass du da bist. Ehrlich gesagt dachte ich schon, du hättest mich vergessen…” Sie wurde wieder etwas trauriger und Rea beeilte sich zu sagen: “Ich werde dich nie vergessen, Jess; dass weißt du - oder solltest es langsam wissen!.. Und weißt du noch etwas?” fügte er noch an und Jess bemerkte so etwas wie ein kleines verschmitztes Schmunzeln, dass sie von früher kannte. Fühlte ihr Ex-Coach etwas im Schilde? Doch was, sie konnte sich nicht wirklich etwas derartiges vorstellen.

Rea wusste, dass es langsam Zeit wurde, die sprichwörtliche “Katze aus dem Sack” zu lassen, nicht nur wegen Jess, sondern auch wegen der beiden Mädchen, die draußen standen und es vermutlich auch nicht mehr lange aushalten würden. Er blickte zur Tür und sagte dann wieder an Jess gewandt: “Ick hab da eine Uberraschung for dich… Magst du sie sehen?” Jess runzelte die Stirn. Eine Überraschung? Für sie? “Hast du sie nicht mit rein gebracht? Ist wohl zu schwer zu tragen oder was? Ich hab doch gar nichts verdient.. Und Geburtstag hab ich auch nicht…” setzte sie an, doch Rea unterbrach sie. “Nein, aber diese Uberraschung is unabhängig von Birthday, you know? Ich werd sie mal rein holen!” fügte er dann noch an und stand auf. Es wurde Zeit!

Jess sah ihm wirklich überrascht hinterher, als Rea zur Tür ging und diese öffnete. Sie hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem, was - beziehungsweise wer - jetzt ihr Zimmer betrat. Es waren Dana und Steffi! Die beiden Mädchen kamen noch relativ scheu, beziehungsweise verhalten ins Zimmer, da sie ja noch wussten, was Rea ihnen vorher gesagt hatte. Sie sollten nicht zu stürmisch sein um Jess nicht zu belasten. Doch diese hielt sich nicht an Reas “Vorsichtsmaßnahmen”.. Nachdem sie begriffen hatte, dass da tatsächlich ihre besten Freundinnen aus “The Voice”-Zeiten vor ihr standen, setzte sie sich aufrecht in ihr Bett und breitete die Arme aus. “Dana, Steffi…” flüsterte sie, und Tränen traten ihr in die Augen. “Seid ihr es wirklich? Ihr seid wirklich hier… Endlich…” Auch Dana und Steffi zögerten nun nicht mehr und stürzten geradewegs zu Jess um sie in den Arm zu nehmen. “Nein, Süße, das ist kein Traum.. Wir sind endlich hier; du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr wir dich vermisst haben…” flüsterte auch Dana und Steffi nickte ebenfalls.
Die Umarmung der drei dauerte einige Minuten lang, und Rea blickte gerührt auf die Mädchen herab. Er hatte sich etwas zurück gezogen und beobachtete sie nur noch.  

Nach einigen weiteren Minuten lösten sich die Mädchen schließlich voneinander. Dana und Steffi setzten sich neben Jess auf die Stühle und Jess hatte sich in ihrem Bett etwas höher gesetzt. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Um es wirklich zu testen, nahm sie die Hände der beiden in ihre. “Ihr seid wirklich hier! Mein Gott… Ich hatte solche Sehnsucht nach euch…” In ihren Augen standen immer noch Tränen. Doch es waren Tränen der Freude. Dana umarmte sie kurz erneut, dann wischte sie Jess die Tränen von den Wangen. “Wir hatten auch Sehnsucht nach dir, Süße, doch Rea sagte immer wieder, dass du noch nicht so weit wärst, dass es noch zu früh wäre - wegen deiner psychischen Verfassung, und so… Aber jetzt geht es dir wohl besser und die Psychologin hat gesagt, dass wir dich ruhig besuchen kommen könnten…” Bevor sie weiter reden konnte, hörten sie wie Rea sich räusperte. Dana schwieg, sie war wohl wieder dabei, etwas falsches zu sagen. Doch Jess lächelte nur. Sie kannte doch ihre beste Freundin. “Ist schon okay.. Ich weiß selber, wie es mir in den letzten Tagen ergangen ist…” Mehr wollte sie nicht sagen, nicht jetzt und hier, mit ihren Freundinnen. Doch Rea ahnte, woran sie dachte. Er kam ebenfalls zu ihr - auf die andere Seite ihres Bettes - und drückte ebenfalls ihre Hand. “You are a strong girl! Don’t forget that!” sagte er. Mehr wollte auch er nicht sagen, doch sie verstand. Sie lächelte. Ihr Augen glänzten, als sie von Rea zu den Mädchen herüber schaute. “Danke, dass ihr hier seid! Ihr alle! Ich bin so glücklich…” sagte sie und ihr Stimme versagte beinahe.

Dana und Steffi waren ebenfalls glücklich. Genau das hatten sie sich alle erhofft. Vor allem Rea hatte die Hoffnung gehabt, dass es Jess helfen würde, aus ihrer Lethargie heraus zu kommen und genau dies schien jetzt geschehen zu sein. Sie war “erwacht”. Er saß noch einige Zeit auf der anderen Seite ihres Bettes und sah zu, wie die Mädchen sich unterhielten. Dann entschied er sich, einmal kurz aus dem Zimmer zu gehen, denn er wollte den dreien Zeit für sich alleine lassen. Nach einigen weiteren Minuten verabschiedete er sich. Jess sah ihn an: “Du willst schon gehen?” Sie blickte entgeistert auf ihn und vor allem zu Dana und Steffi, die beiden waren doch gerade erst gekommen… Rea schüttelte den Kopf und hob beruhigend die Hand. “Ich komme wieder; kein Angst! Ich werd nur mal kurz was erledigen; und in die Zeit konnt ihr euch ganz alleine unterhalten. Ohne eine Mithorer bei eure Mädchentalk” - er lachte. Die Mädchen waren erleichtert. Es wäre in der Tat eine sehr kurze Besuchszeit gewesen.. Auch, wenn weder Dana noch Steffi wussten, was Rea nun zu erledigen hatten, war es ihnen im Grunde auch egal. Sie würden die Zeit mit Jess einfach nur genießen und Jess dachte genauso. Also drückte Rea noch einmal Jess’ Hand, dann ließ er sie los und verließ das Zimmer. Er ging davon aus, dass sie mit ihren Freundinnen in besten Händen sein würde. Er hatte in der Tat jetzt etwas anderes vor…

Als Rea fort war, unterhielten sich die Mädchen noch über dies und das und ihr Lachen erklang durch das ganze Zimmer. Es war seit gefühlten Ewigkeiten das erste Mal, dass Jess wieder so unbekümmert war, und sich frei fühlte wie schon lange nicht mehr. Dann fragte Jess ihre besten Freundinnen nach dem Halbfinale aus und die beiden erzählten ihr, wie sie es erlebt hatten. Jess fragte Steffi, ob sie traurig darüber wäre, nun ausgeschieden zu sein; und Steffi verneinte die Frage. “Naja, okay; natürlich ist es schade, ich meine, es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Du weißt ja selber, wie schön es gewesen ist…” Steffi zügelte sich, dann fuhr sie fort: “Aber das Leben geht weiter… Und ich hab so viel anderes zu tun; weißt du, Dana und ich hatten uns mal darüber unterhalten ob wir vielleicht…” Jetzt war es Dana, die sich räusperte, als ob sie Steffi davon abhalten wollte, weiter zu reden. Diese stoppte dann auch. Jess sah von einem Mädchen zum anderen und ihr fiel die plötzliche Stille auf, die sie plötzlich umgab. “Was ist los? Warum sprichst du nicht weiter? Ob ihr vielleicht was?” fragte Jess nach.

Steffi schaute auf den Boden und auch Dana war für ihre Verhältnisse extrem still. So kannte Jess die beiden nicht und das machte sie misstrauisch - und auch ein wenig traurig.. “Was ist denn los? Seid ihr nicht mehr meine Freundinnen? Ihr mögt mich doch noch, oder?” fragte sie und ihre Stimme zitterte.
Dana und Steffi sahen sich an. Was auch immer sie zu verbergen versucht hatten, ihnen war klar, dass sie es nun nicht mehr konnten; Steffi hatte bereits zu viel gesagt.. Sie seufzte. “Natürlich sind wir das, Süße… Sonst wären wir ja nicht hier! Es ist nur… Weißt du, es ist so, wir… Also als wir beide noch zusammen im TVoG Gebäude waren, vor dem Halbfinale, da hatten wir darüber nachgedacht - also erstmal nur so - ob wir vielleicht zusammen ziehen könnten. Dana und ich. In eine Wohnung…” Jetzt war es heraus. Sowohl Dana als auch Steffi war es nicht leicht gefallen, Jess etwas davon zu erzählen, denn sie wussten nicht, wie diese die Neuigkeit aufnehmen würde und ob es sie nicht vielleicht verletzen würde, dass die beiden vorhatten in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Und Rea hatte ihnen ja zuvor noch eingebläut, vorsichtig zu sein.

Doch Jess nahm es besser auf, als die beiden befürchtet hatten. “Das ist doch schön! Wieso nicht? Eine Wohnung für zwei, stelle ich mir echt schön vor… Was ist denn daran so schlimm, dass ihr es mir nicht erzählen wolltet?” Dana und Steffi sahen sich an. “Naja, wir waren uns nicht sicher… Ich meine, du bist hier so alleine und da dachten wir, es wäre vielleicht der falsche Zeitpunkt dafür. Es dauert ja noch etwas, bis du entlassen wirst, oder?” Jess zuckte die Schultern. Ehrlich gesagt wusste sie noch gar nichts darüber, wann sie entlassen werden sollte und wie es dann weiter gehen würde. Wo sie danach wohnen sollte… Doch sie wollte jetzt keine schlechten oder traurigen Gedanken haben. Ihre besten Freundinnen waren hier und sie wollte sich einfach nur freuen! “Ob die hier mal einen Sekt ausgeben könnten? Zur Feier des Tages?” scherzte Jess und versuchte, das Thema zu wechseln. Dana und Steffi lachten. Dann unterhielten sie sich weiter und die Zeit verrann - bis Dana plötzlich doch etwas einfiel. Sie blickte zuerst zu Steffi und dann zu Jess und fragte langsam aber bedächtig: “Jess - was würdest du davon halten, wenn du mit uns in die Wohnung einziehst? Also wenn Steffi - mit Hilfe ihres Vaters - eine gefunden hat?”

Zuerst war es still im Raum. Steffi blickte ebenfalls zu Dana und sah ihren Blick. Er war voller Ehrlichkeit und Hoffnung. Und auch Steffi gefiel die Idee, obwohl sie nicht wirklich vorab darüber gesprochen hatten. Eigentlich suchten sie eine 2-Zimmer Wohnung für sie beide, aber es wäre durchaus möglich, auch in eine 3-Zimmer-Wohnung zu ziehen, wenn sie sich dann die Miete dafür durch drei teilten… Steffis Vater war Immobilienmakler, also kam er gut an günstige und doch gute Mietwohnungen ran, und er würde bestimmt auch gute 3-Zimmer-Wohnungen finden, dass dürfte eigentlich nicht das Problem sein. Wieso hatten sie nicht schon vorab daran gedacht? Vielleicht deswegen, weil sie nicht wussten, wie es um Jess’ Gesundheit stand - besonders um ihre psychische - und wie es mit ihr weiter ging.. Aber dass sie nicht ewig in dem Krankenhaus und in dieser Abteilung bleiben konnte, war auch klar, und wo sollte sie dann hin? In die “Wohngemeinschaft” aus der sie kam? Wie beide von Jess wussten, kam sie schon vorab nicht wirklich gut mit den dortigen Mitbewohnern klar und dachte schon länger darüber nach, von dort wegzuziehen; spätestens mit 18, und das dauerte auch nicht mehr so lange, bis zur Volljährigkeit.

Jess blickte ebenfalls von einer zur anderen und sagte dann mit belegter Stimme: “Meint ihr das wirklich Ernst? Ich meine, ihr wollte mich wirklich bei euch einziehen lassen? Ich wäre euch kein Hindernis? Ich meine, jemand wie mich…” Weiter kam sie nicht. Dana strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: “Hör auf! Was soll das denn heißen, “jemand wie mich”? Was meinst du damit? Ich kann mir niemanden vorstellen, mit dem ich lieber zusammen ziehen würde, als mit dir - abgesehen von Steffi natürlich! Und der einzige Grund, weshalb wir noch nicht miteinander darüber gesprochen hatten, war nur der, dass wir über deinen Gesundheitszustand leider so gut wie nichts wussten, und auch nicht, wann du entlassen wirst… Aber irgendwann ist es doch mal soweit und dann brauchst du ein richtiges Zuhause! Mit Freunden, bei denen du dich wohl fühlst. Steffi denkt genauso, nicht wahr?” Sie sah Steffi an und diese nickte. Im Grunde dachte Dana also genauso wie sie - was auch kein Wunder war. Sie alle drei hatten sich im Laufe der Zeit so gut miteinander verstanden, es kam ihr beinahe schon so vor, als ob sie Schwestern wären… Und eine WG mit ihnen allen konnte doch nur funktionieren!

Jess blickte erneut von einem Mädchen zum anderen und setzte noch einmal an; sie konnte es sich immer noch nicht vorstellen, dass die beiden es wirklich ernst meinten… “Und ihr macht das nicht nur aus Mitleid mit mir? Oder damit ihr mich unter Kontrolle habt??” Das letzte hatte sie leise hinzugefügt, doch Steffi und Dana hatten es trotzdem gehört. Jetzt war es Steffi, die ihr antwortete, denn Dana hatte es tatsächlich kurzfristig die Sprache verschlagen: “Jetzt hör mir mal zu, Jess: Keiner von uns macht etwas aus reinem “Mitleid”… Abgesehen davon wäre das richtige Wort “Mitgefühl” - und das ist nichts schlimmes! Aber nein, wir meinen es beide ernst und wollen dich bei uns haben, weil wir dich mögen! Und wenn die Ärzte dich als geheilt hier entlassen wäre es doch schön, wenn du eine Bleibe finden würdest, wo  auch du dich wohl fühlst! Und was das andere angeht: Wir beide wollen hoffen, dass es keinen Grund mehr dafür gibt, dich “unter Kontrolle” zu halten - oder irre ich mich da?” Steffis Ton war besorgt und auch Dana blickte Jess mit zusammen gekniffenen Augen an. Diese blickte von einer zur anderen und schüttelte den Kopf. Dann lächelte sie erneut. “Nein, ihr braucht keine Angst zu haben. Ich werde keine Dummheiten mehr machen, ich dachte nur, dass ihr dies vielleicht denken könntet… Vergesst es einfach, okay? Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ich bei euch mit einziehen könnte - also wenn dein Vater eine Wohnung für uns drei finden würde… Aber wenn das nicht klappen sollte, dann ist das auch nicht schlimm - ich finde schon etwas für mich alleine; dass wird schon!” setzte sie noch hinterher.

Dana und Steffi nickten und hofften, dass Jess es wirklich so meinte, wie sie es gesagt hatte. Ihre Stimme hatte fest geklungen und sie wollten es ihr auch glauben - dennoch nahmen sie sich vor, sie weiter im Auge zu behalten. Sie schien doch noch ein wenig labil zu sein; doch nun war wieder Zeit fürs Glücklichsein angesagt. Steffi antwortete noch einmal, dass sie ihren Vater über die veränderten Pläne informieren würde und war frohen Mutes, dass dieser auch etwas für sie finden würde. Dann unterhielten sie sich über andere Themen - Dana und Steffi begannen, Witze zu erzählen und Anekdoten über ihre Zeit bei “The Voice” - und sie schafften es tatsächlich, Jess aus ihren - immer noch - trüben Gedanken zu reißen und sie zum Lachen zu bringen. Nach gefühlten ewigen Zeiten hörten sie endlich mal wieder ein tiefes, befreites Lachen aus Jess heraus sprudeln. Die Mädchen waren glücklich…


In der Zwischenzeit war Rea auf der Suche nach Jennifer, die er schließlich auch in ihrem Büro fand. Sie war etwas erstaunt, Rea zu sehen, da sie davon ausging, das er mit den Mädchen zusammen bei Jess war. Doch als dieser sie bat, ihn herein zu lassen, bat sie ihn, einzutreten. “Was kann ich für sie tun?” fragte sie und Rea sah sie an: “Haben Sie heute Morgen die News gelesen or gehört?” fragte er sie und Jennifer blickte ihn noch irritierter an. “Ähm, ja, das habe ich; wieso?” “Auch die News mit die vergewaltigte junge Frau” Jennifer musste einen Augenblick überlegen, dann wusste sie, wovon Rea sprach. Langsam nickte sie: “Ja, den Artikel habe ich gelesen, schrecklich, das ganze - aber wieso fragen Sie das? Die Vergewaltigung war in einer anderen Stadt…” Sie kam nicht weiter, Rea unterbrach sie: “I know; doch ich weiß auch, dass ER es war! Er hat die Frau vergewaltigt!”
Jennifer sah ihn an. Sie war verwirrt, dass spürte und sah er auch. “Woher…” “Ich war dort! Als ich gelesen hab, dass die Frau blond war und noch einiges anders, da wusste ich, dass es nur ER sein konnte - und ick wollte die Frau sprecken, doch man hat mich nickt zu ihr gelassen. Gerade, als ick gehen wollte, kam ihre Sister - und sie hat mir erzählt, dass sie ihr erzählt hat, dass diese Bastard die Frau “Jessica” genannt hat, während er sie…” er musste schlucken, dann sprach er es aus: “Während er sie vergewaltigt hat - er hat Jess’ Namen genannt! DAS ist eine Zeichen, or not?”

Jennifer war geschockt. Sie hatte zwar die Nachricht überflogen, doch wirklich eine Verbindung zwischen den beiden Fällen hatte sie nicht aufgestellt - oder noch nicht darüber nachgedacht, dass es einen geben könnte. “Mein Gott.. Ja, das ist allerdings ein Zeichen… Oder so ein großer Zufall, dass ich nicht wirklich daran glauben könnte… Scheiße… Haben Sie mit der Polizei darüber gesprochen?” Rea schüttelte den Kopf. Er konnte sich daran erinnern, dass auch seine Freunde ihn das gefragt hatten und er antwortete Jennifer das selbe, was er auch schon ihnen gesagt hatte: “Ich habe nickt mit die Polizei geredet - ich hab alles, was ich weiß die Schwester von die Opfer gesagt, und ihr meine Nummer gegeben… Wenn die Police aus die andere City etwas wissen will, or unsere Polizei, dann sollen die mich kontakten… Aber weshalb ich hier bin: Ich wollte, dass Sie das wissen, aber ich will auch, dass Jess nichts davon erfahrt! Als ich gerade in ihre Zimmer war, hab ich gesehen, dass die TV weg ist - das ist gut so! Also bitte, bis zum Finale: Keine Fernsehen mehr; keine News - auch nicht per Zeitung. Sie darf auf keine Fall etwas davon erfahren - weder, dass die Bastard eine andere Frau missbraucht hat; noch - or schon gar nickt - dass er ihre Name genannt hat, während diese… Sie wissen schon…”

Jennifer nickte. “Natürlich nicht. Dass ist selbstverständlich. Sollte es tatsächlich so sein, darf sie das auch auf keinen Fall erfahren. Sie hat so große Fortschritte gemacht in der letzten Zeit - aber sie ist noch nicht über den Berg. Deswegen werden wir sie auf jeden Fall noch die nächsten zwei Wochen - also die eine Woche bis zum Finale, das sie auch hier sehen wird - und vermutlich dann noch eine Woche zur Beobachtung hier lassen. Was danach mit ihr geschieht, werden wir sehen. Sollte sich ihr Zustand weiterhin bessern oder zumindest so bleiben, dann werden wir sie spätestens in zwei Wochen entlassen.
Rea blickte sie an. In ihm wallten gerade zwei Gefühle gleichzeitig: auf der einen Seite fand er es toll, dass Jess’ Entlassung relativ kurz bevor stand - doch auf der anderen Seite wusste er, dass nun das Problem ebenfalls kurz bevor stand; die Frage, vor der er die ganz Zeit Angst gehabt hatte: Was geschah dann?? Dass die Mädchen sich bereits ebenfalls Gedanken darüber gemacht hatten, wusste er ja noch nicht. Doch dann schob er die Gedanken beiseite. Nun wollte er wieder zurück zu Jess und ihren Freundinnen und schauen, ob ihr Besuch der Kleinen tatsächlich Aufwind gegeben hatte.
Er verabschiedete sich von Jennifer, denn er wusste, dass diese sich an ihre Vereinbarung halten würde, und lief zurück zu Jess’ Zimmer. Schon von weitem vernahm er heiteres Gelächter - und er hörte das erste Mal seit gefühlten Ewigkeiten, Jess wieder lachen. Es war ein befreites, glückliches Lachen und Rea stand einige Sekunden vor der Tür und hörte diesem Lachen zu, bevor er schließlich die Klinke herunter drückte, und ebenfalls in den Raum eintrat…

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Christal, 31
Traumland